Fokus
«Einmalige Gelegenheit für eine praxisnahe Ausbildung»
Wie gelangt ein verletztes Tier sicher von der Alp ins Tal? Ein Helikopterkurs der Rega bereitet Studierende der Vetsuisse-Fakultät Zürich auf Rettungseinsätze vor.
Das Kalb schaut etwas verdutzt nach unten, als der Helikopter abhebt und es in die Höhe hebt. Aber es bleibt ruhig, als es über die Wiese fliegt und der Helikopter es nach einer Runde wieder absetzt. Dort wird es von einem Flughelfer, einem Tierarzt und mehreren Veterinärstudierenden in Empfang genommen: Am 24. Juni hat die Schweizerische Rettungsflugwacht (Rega) zusammen mit der Vetsuisse-Fakultät Zürich in Studen im Kanton Schwyz einen Helikopterkurs für rund vierzig Studentinnen und Studenten organisiert.
Daniel Kränzlin ist Flughelfer bei der Rega und hat den Kurs nun zum zweiten Mal organisiert. Der Kurs richtet sich an Studierende im vierten Jahr, welche die Schwerpunkte Grosstier und Pferde belegen. «Wir brauchen Nachwuchs bei den Grosstierärzten», sagt Daniel Kränzlin. «Mit diesem Kurs zeigen wir ihnen, was sie auf der Alp erwarten kann, und bereiten sie auf einen Einsatz vor.»
Die Rega erhält pro Sommersaison zwischen 1000 und 1500 Anrufe für Tierrettungsflüge. Knapp zehn Prozent davon deckt die Rega selber ab, die anderen Flüge vergibt sie an Partner-Unternehmen. Im Schnitt kostet ein Tierrettungsflug um die 1500 Franken. Ist ein Landwirt Rega-Gönner, sind auch seine Tiere in der Gönnerschaft eingeschlossen – und der Rettungsflug damit kostenlos.
Zuerst die Theorie
Bevor die Studierenden in die Nähe des Helikopters und der Tiere kommen, erfahren sie am Morgen mehr dazu, wie Helikopter eingewiesen werden und wie ein Einsatz vorbereitet wird. Ruedi Keller vom Grosstier-
Rettungsdienst erzählt, dass zuerst nur Rinder geflogen wurden. «Vor rund dreissig Jahren begannen wir jedoch, auch Pferdeflüge zu organisieren.» Während Rinder meist ohne Sedation ausgeflogen werden können, müssen Pferde immer sediert werden. «Es braucht eine gute Sedierung», sagt Ruedi Keller, «sonst sind Menschen- und Tierleben gefährdet.» Das betonen später auch Christian Gerspach und Toni Fürst, die beiden Professoren der Vetsuisse-Fakultät Zürich, die ihren Studierenden den Helikopterkurs anbieten.
Tierarzt Silvan Abgottspon erzählt von seinen Einsätzen. «Wichtig ist, dass ihr so viele Informationen wie möglich habt, bevor ihr auf die Alp geht.» Jeder Einsatz bei einem kranken oder verletzten Tier sei anders. «Häufig muss man improvisieren – das ist aber auch das Spannende.» Sobald ein Helikopter im Spiel ist, seien alle gestresst. «Nehmt euch trotzdem Zeit.» Gerade bei Brüchen sei es wichtig, diese mit einer Verstärkung zu fixieren und zu gipsen, damit während des Fluges nicht eine offene Fraktur entstehe.
Beim Rettungseinsatz auf der Alp liege der Lead immer bei der Tierärztin oder beim Tierarzt, sagt Silvan Abgottspon. «Entscheidend für den Erfolg ist aber die Zusammenarbeit der verschiedenen Partner – mit dem Landwirt, mit der Rega, und je nach Fall auch mit dem Grosstier-Rettungsdienst.»
Die Netze anlegen
Am Nachmittag legen die Studierenden dann Hand an. Die Tiere werden in einem Tierbergungs- und Transportnetz ausgeflogen, das ihnen unter dem Bauch und zwischen den Beinen durch angelegt wird. Die Studierenden üben an zwei Pferden, einer Kuh und zwei Ponys, wie die Netze angelegt werden und worauf sie je nach Tierart besonders achten müssen.
Die angehenden Tierärztinnen und Tierärzte lernen aber auch, wie sie einen Helikopter einweisen: «Immer mit dem Wind im Rücken: so hat der Helikopter den Wind auf der Nase», sagt Daniel Kränzlin. Die Veterinärstudierenden steigen bei laufenden Rotoren in den Helikopter – und drehen eine Runde über Studen und den Sihlsee.
Nach den Übungen wird es ernst: Die Studierenden machen die beiden Pferde und das Kalb der Mutterkuh parat für den Abflug. Dieses Mal legen sie den Pferden auch Ohrstöpsel an und stülpen ihnen eine schwarze Haube über den Kopf. Eine Studentin sediert die Pferde. Das Kalb muss nicht sediert werden. «Kühe chillen», sagt Silvan Abgottspon.
Und da kommt der Helikopter – der Flughelfer nimmt den Haken am hängenden Lastenseil entgegen, hängt ihn am Tierbergungs- und Transportnetz des Kalbes ein, kontrolliert noch ein Mal, ob alle Seile richtig angebracht sind, und gibt dem Piloten das Zeichen für den Abflug. Das Kalb fliegt später noch ein zweites Mal, und die beiden Pferde drehen ebenfalls eine Runde in der Luft, so dass alle Studierenden den Abflug und den Empfang der Tiere üben können. Kurze Zeit nach der Ankunft steht das Kalb wieder bei seiner Mutter, und die Pferde grasen friedlich.
Chadieja Benredjem ist begeistert von diesem speziellen Tag: «Das war eine einmalige Gelegenheit für eine praxisnahe Ausbildung mit Profis», sagt die Veterinärstudentin. «Nun sind wir gut gewappnet für den Ernstfall.»

