Journal Schweiz Arch Tierheilkd  
Verlag GST  
Heft Band 168, Heft 7,
Juli 2026
 
ISSN (print) 0036-7281  
ISSN (online) 1664-2848  
online seit 07 Juli 2026  
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Verbandsnachrichten

«Ich bringe Wissen, nicht Infrastruktur»

Nicole Jegerlehner

Der pensionierte Tierarzt Johannes Kaufmann unterrichtet in Gambia mit seinem Berufskollegen Marco Bono Veterinärstudierende und Personen, die sich um Tiere kümmern.

Sich nach der Pensionierung zurücklehnen: Das ist nichts für Johannes Kaufmann. Der Tierarzt ist in den letzten zwei Jahren drei Mal nach Gambia gereist. Er unterstützt dort im abgelegenen Bansang eine Buschklinik und gibt sein Wissen weiter.

Die Klinik «Bansang Gate Clinic» hat er vor Jahrzehnten selber gegründet, als er dort am International Trypanotolerance Center (ITC) arbeitete, das unterdessen zum West African Livestock Innovation Center (WALIC) geworden ist. Zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebte er von 1986 bis 1990 weitab kultureller und touristischer Zentren im Busch. «Das Leben war sehr ursprünglich», sagt Kaufmann. «Wir hatten weder Strom noch Telefon, und das Wasser holten wir im Zugbrunnen.»

In dieser Zeit betrieb er Feldforschung und verfasste den diagnostischen Atlas «Parasitic Infections of Domestic Animals», der in Westafrika bis heute in Ausbildung und Praxis verwendet wird. Nebst seiner Arbeit am ITC begann er aber auch, Tiere zu behandeln. «Die Leute kamen mit Pferden, Eseln und Zugtieren, die für sie von grossem Wert waren.» So entstand die «Bansang Gate Clinic». Als die Familie in die Schweiz zurückkehrte, führte ein junger Mann, den Johannes Kaufmann eingestellt hatte, die Klinik über all die Jahre weiter.

«Kaum weiterentwickelt»

Nach seiner Pensionierung hat sich Johannes Kaufmann bewusst entschlossen, sich in Gambia zu engagieren. «Das Land hat unter den Jahren der Diktatur gelitten; es hat sich kaum weiterentwickelt.» Als ehemalige britische Kolonie blieb Gambia bis 2013 Teil des Staatenbunds Commonwealth. Wer eine höhere Bildung absol­vierte, tat dies in England – sehr lange gab es deswegen in Gambia keine Universitäten. «Und so gibt es in Gambia auch kaum Tierärztinnen und Tierärzte, und die wenigen, die es gibt, wurden 
im Ausland ausgebildet.». Das ändert sich nun: Derzeit wird im kleinsten Land Afrikas die erste Kohorte an Veterinärstudentinnen und -studenten ausgebildet.

Johannes Kaufmann hat für die Gate Clinic neue Instrumente gekauft. Ebenso hat er die drei über das Land verteilten Stationen von WALIC mit Sterilisatoren, Mikroskopen, Mikrohämatokritzentri­fugen, chirurgischem Instrumentarium, Nahtmaterial, Wasserfiltern und einem Grundstock von Medikamenten versorgt. «Das bezahle ich alles mit meinem eigenen Geld.» Klar ist für ihn aber auch: Dieses Material ist ein Grundstock für den Beginn. Danach will er nicht weiter in Material oder gar Gebäude investieren, sondern sich für die tierärztliche Ausbildung einsetzen. «Ich bringe Wissen, nicht Infrastruktur.» Er dankt allen Schweizer Tierärztinnen und Tierärzten, die seinem Aufruf gefolgt sind und Lehrbücher geschickt haben. Sie bilden die Wissensbasis für seine Arbeit in Gambia und den neuen veterinärmedizinischen Studiengang.

Erfahrung weitergeben

Das WALIC ist heute ein landwirtschaftliches Forschungsinstitut, an dem auch Agrarmitarbeitende und tierärztliche Assistentinnen und Assistenten ausgebildet werden sollen – derzeit vor allem durch Kurse, die Johannes Kaufmann zusammen mit seinem Schweizer Kollegen Marco Bono organisiert. «Ich möchte jungen Menschen meine Erfahrung und mein Wissen weitergeben.»

Alle Kursbesuchenden – darunter auch die erste Kohorte der Vete­rinärstudierenden – erhalten ein Skript sowie ein kleines Operationsbesteck, Infusionsmaterial, Iodophor zur Desinfektion, eine wiederverwendbare Spritze mit Nadeln – sowie einen Gummischlauch. «Das ist die erste Lektion im Kurs: In Gambia ist es sehr trocken und heiss – die meisten kranken Tiere sind dehydriert», sagt Kaufmann. «Mit diesem einfachen Gummischlauch und einer isotonischen Salzwasser­lösung können wir den meisten Tieren bereits helfen.» Doch auch Notfallchirurgie, Geburtshilfe und Narkose stehen auf dem Programm. «Wir wollen einfache und robuste medizinische und chirurgische Techniken für den Alltag der tierärztlichen Feldarbeit vermitteln.»

Dass Tiere anästhesiert werden, ist in Gambia keine Selbstverständlichkeit. «Ich musste dem Direktor der Veterinär-Universität darlegen, dass dies sowohl für das Tierwohl als auch für die Wundheilung wichtig ist», sagt Kaufmann. Nun werde dies an der Universität auch so gelehrt. «Wir setzen in Gambia auf eine ganz einfache Anästhesie, ohne Inhalation – mit Xylazin und Lidocain», so Kaufmann. «Das Ziel ist, dass diese beiden Mittel günstig und im ganzen Land verfügbar sind.»

«Gibt einen Sinn»

Der 68-Jährige verschliesst seine Augen nicht davor, dass die Korruption in Gambia nach wie vor vieles erschwert. «Ich suche nach Lösungen», sagt er. «Die meisten Gambier haben keine Zukunftsperspektive – das ist traurig, hindert mich aber nicht daran, weiterzumachen. Denn die Welt wird nur dann besser, wenn man die Leute befähigt.»

Das Projekt bringt aber auch ihm selber viel. Er habe dadurch wieder seine Bühne als Mentor, Lehrer und Brückenbauer gefunden, die er zuvor in der Praxis und als Buchautor gehabt habe. «Das Projekt gibt meinem Ruhestand einen Sinn, der über Freizeit und Konsum hinausgeht.»

Johannes Kaufmann demonstriert eine Infiltrationsanästhesie. © zvg

Ein Leben im Wandel

Nach dem Studium war Johannes Kaufmann drei Jahre als Assistent in einer Gross- und Kleintierpraxis tätig; danach arbeitete er für die Universität Bern in der Feldforschung und betrieb in Gambia eine Buschklinik. Später war er Oberassistent-Lektor in Parasitologie am Tierspital Bern, arbeitete von 1998 bis 2002 als Wissenschaftsattaché an der Schweizer Botschaft in Washington und leitete danach die Bundesstelle für Innovationsförderung. 2012 eröffnete er als 54-Jähriger seine eigene Tierarztpraxis in Wangen bei Olten. Er schrieb zwei Bücher mit Anekdoten aus dem Praxisalltag. Seit seiner Pensionierung widmet er sich wieder seiner Buschklinik in Gambia.


Freiwillige gesucht für Online-Expertenpool

Johannes Kaufmann unterstützt rund um die Uhr via WhatsApp Tierärztinnen, Tierärzte und Tierpflegende in Gambia bei Fragen zu kompli-zierten Fällen. Nun sucht er Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte, um den Online-Expertenpool zu vergrössern. Interessiert? johannes.kaufmann58@gmail.com

 
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