Fokus
«Der Austausch mit der GST ist mir sehr wichtig»
Seit fast einem Jahr ist Laurent Monnerat im Amt: Der neue Direktor des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) schaut auf seine ersten elf Monate zurück.
Wie haben Sie sich eingelebt?
Es war eine sehr spannende Zeit. Das BLV ist ein sehr vielfältiges Amt, mit sehr vielen Themen. Wir verfügen im Amt über eine sehr hohe Fachexpertise.
Sind auch jetzt, nach knapp einem Jahr im Amt, einige Dinge noch neu für Sie?
Wegen der Aktualität und der Priorisierung habe ich in einigen Themen bereits eine tiefe Dossierkenntnis – aber lange nicht überall.
Was hat Sie nach Ihrem Amtsantritt überrascht?
Mich hat die Gleichzeitigkeit von vielen Themen beeindruckt; wobei die Themen von der Aktualität abhängig sind. Zudem treten viele gleichzeitig an uns: Politik, Verwaltung, Medien. Wir sind an vielen Fronten tätig. Aber das macht es auch spannend.
Was hat das erste Jahr in Ihrem Amt geprägt?
Vor allem Tierseuchen. Gerade am Anfang hat sich vieles um die Lumpy Skin Disease gedreht. In den letzten zwanzig Jahren gab es kaum Tierseuchen in der Schweiz. Seit Ende August 2024 haben wir die Blauzungenkrankheit, Ende Juni 2025 ist die Lumpy Skin Disease in Frankreich ausgebrochen, rund vierzig Kilometer entfernt von der Genfer Grenze, und in Deutschland, Ungarn und der Slowakei ist die Maul- und Klauenseuche aufgetreten. Auch die Afrikanische Schweinepest behalten wir aufmerksam im Blick: Das Risiko einer Einschleppung durch menschliche Aktivitäten ist hoch. Darauf bereiten wir uns gezielt vor.
Wo setzen Sie Akzente?
Bei den Seuchen betreiben wir seit vielen Jahren Prävention. Das BLV wartet nicht ab, was passieren wird, sondern bereitet sich vor und führt Übungen durch. Auch die Impfstoffbeschaffung für die Blauzungenkrankheit und die Lumpy-Skin-Krankheit haben wir beschleunigt.
Wo sehen Sie in den kommenden Jahren die grossen Herausforderungen für die Veterinärmedizin?
Mit dem Klimawandel sind das sicher die vektorübertragenen Tierseuchen, da muss man realistisch sein. Eine gute Vorbereitung ist wichtig. Dann wird uns auch der Fachkräftemangel in der Veterinärbranche beschäftigen. Es gibt erste Bestrebungen, dies zusammen mit der Universität, den Behörden und der GST anzugehen. Auch die Antibiotikaresistenzen werden uns weiterhin beschäftigen, auch wenn wir da bereits viel erreicht haben; das ist ein One-Health-Thema. Und auch die Tierarzneimittel-Engpässe sind ein Thema. Zudem sind die Erwartungen an das Tierwohl in den letzten zwanzig Jahren gestiegen; da stellt die Gesellschaft sehr hohe Erwartungen an die Tierärzteschaft. Das ist wichtig, bringt für die Praxis aber auch Herausforderungen mit sich.
Welches sind derzeit die grössten «Baustellen» im BLV?
Wir haben keine Baustellen, wir haben strategische Prioritäten. In letzter Zeit haben wir mehr finanzielle Ressourcen für Impfstoffe erhalten und setzten rund um die Thematik der Tierseuchen etwas mehr Personal ein. Wir haben nicht mehr Personal erhalten, sondern die Prioritäten verschoben. Wie beispielsweise Anfang Jahr, als bestimmte Säuglingsnahrungen wegen Verunreinigungen mit dem Toxin Cereulid zurückgerufen werden mussten. Da muss man rasch reagieren. Entlang der Lebensmittelkette sind auch die PFAS ein wichtiges Thema, die sogenannten Ewigkeitschemikalien. Zudem beschäftigen wir uns heute stärker mit der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln als noch vor zehn Jahren. Und ich gehe davon aus, dass die Öffentlichkeit in den kommenden Jahren Antiparasitika im Veterinärbereich stärker thematisieren wird.
Als Amtsdirektor sind Sie Beisitzer des GST-Vorstands. Wir erleben Sie die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte?
Ich erlebe die GST als sehr engagierten und starken Berufsverband. Der Austausch mit der GST ist mir sehr wichtig. Ich erhalte so die Perspektive der Praktiker. GST-Präsident Roberto Mossi nimmt seinerseits an den Sitzungen der Kantonstierärzte-Konferenz teil. Und in der Steuerungsgruppe Veterinärdienst Schweiz treffen sich GST, BLV und VSKT zum regelmässigen Austausch. Das ist sehr wertvoll, wir erhalten so ein rasches Feedback aus dem Berufsalltag.
Welche Erwartungen haben Sie an die Zusammenarbeit mit der GST?
Ich erwarte Diskussionen auf Augenhöhe. Mit Tiergesundheit, Tierwohl und Lebensmittelsicherheit haben wir gemeinsame Ziele. Dabei nehmen wir unterschiedliche Rollen ein und müssen nicht immer gleicher Meinung sein. Im Gegenteil: Kontroverse Diskussionen sind wichtig und bringen uns weiter.
Ist die GST genügend politisch engagiert?
Es ist nicht an mir, dies zu beurteilen. Wichtig ist sicher, dass ein Berufsverband mit Substanz auftritt und Mitverantwortung für gemeinsame Lösungen übernimmt.
Wie erleben Sie die Erwartungen der Bundespolitik an das BLV?
Es bestehen hohe Erwartungen an die Lebensmittelsicherheit, die Tiergesundheit und an das Tierwohl. Unsere Aufgabe ist es, die Erwartungen einzuordnen und Lösungen zu präsentieren. Das ist Teil des politischen Prozesses. Am Schluss entscheidet das Parlament. Und das Parlament hat nicht nur Erwartungen, sondern unterstützt uns auch – beispielsweise, als es mehr finanzielle Mittel für Impfstoffe gesprochen hat.
Ein Veterinärmediziner mit Wirtschaftsstudium
Seit August 2025 ist Laurent Monnerat Direktor des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV); er folgte auf Hans Wyss. Zuvor war der 55-Jährige Kantonstierarzt und Amtsleiter der Dienststelle für Verbraucherschutz und Veterinärwesen des Kantons Jura. Nebst einem Doktorat in Veterinärmedizin hat der Französischsprachige auch ein Lizentiat in Wirtschaft und Betriebswirtschaft erworben. Von 1998 bis 2022 war das GST-Mitglied als Direktor, Vizepräsident und in anderen Leitungsfunktionen für verschiedene Pharmaunternehmen international tätig.

