Journal Schweiz Arch Tierheilkd  
Verlag GST  
Heft Band 168, Heft 7,
Juli 2026
 
ISSN (print) 0036-7281  
ISSN (online) 1664-2848  
online seit 07 Juli 2026  
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Anticipatory Action: Existenzen schützen mit Tiergesundheit

Eldrid Funck, VSF-Suisse

Wiederkehrende Dürren bedrohen Millionen von Menschen und ihre Nutztiere am Horn von Afrika. VSF-Suisse setzt auf frühzeitiges Handeln, bevor aus einer Krise eine Katastrophe wird.

Das Horn von Afrika gehört zu den Regionen, die besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. In den trockenen Gebieten Kenias, Äthiopiens und Somalias leben Millionen Menschen von der Viehwirtschaft. Rinder, Ziegen, Schafe und Kamele liefern Milch, Fleisch und Einkommen. Sie dienen als Sparguthaben und soziale Absicherung zugleich.

Bleibt der Regen aus, geraten diese Systeme rasch unter Druck. Wasserstellen trocknen aus, Weideflächen verschwinden und die Tiere verlieren an Kondition. Die Milchproduktion sinkt, Krankheiten breiten sich leichter aus und die Sterblichkeit nimmt zu. Für die betroffenen Familien bedeutet dies weit mehr als den Verlust einzelner Tiere. Ihre wichtigste Lebensgrundlage gerät ins Wanken.

Früh handeln statt reagieren

Humanitäre Hilfe wird häufig erst dann mobilisiert, wenn die Auswirkungen einer Krise bereits sichtbar sind. Zu diesem Zeitpunkt haben viele Familien jedoch bereits Tiere verloren, ihre Reserven aufgebraucht oder ihre Heimat verlassen.
Hier setzt der Ansatz der Anticipatory Action an. Mithilfe von Wetterdaten, Dürreindikatoren, Marktinformationen und lokalen Frühwarnsystemen werden drohende Krisen früh erkannt. Dadurch können Massnahmen eingeleitet werden, bevor die Situation eskaliert.

Für die Viehwirtschaft ist dies von besonderer Bedeutung. Zahlreiche Studien zeigen, dass der Schutz von Tierbeständen deutlich kosteneffizienter ist als deren späterer Wiederaufbau. Zudem bleiben Ernährungssicherheit, Einkommen und lokale Märkte besser erhalten.

Tiergesundheit als Nothilfe

Als veterinärmedizinische Organisation arbeitet Vétérinaires Sans Frontières (VSF) Suisse an der Schnittstelle von Tiergesundheit, Ernährungssicherheit und Resilienz. Der Fokus liegt auf dem Schutz der produktivsten Tiere einer Herde; dies ermöglicht den Familien das Überleben ihrer Lebensgrundlage.

Zu den Massnahmen gehören präventive Impfungen und Behandlungen, das Bereitstellen von Futter und Wasser, mobile Veterinärdienste sowie Bargeldhilfen, damit Tierhalterinnen und Tierhalter dringend benötigte Leistungen rechtzeitig in Anspruch nehmen können.

Ein aktuelles Beispiel stammt aus den Borana- und Somali-Regionen Äthiopiens. Als sich Ende 2025 aufgrund ausbleibender Regenfälle eine erneute Dürre abzeichnete, unterstützte VSF-Suisse betroffene Haushalte frühzeitig mit Futtermitteln und Tiergesundheitsmassnahmen. Allein 2025 wurden in Äthiopien mehr als 6000 Tonnen Futtermittel verteilt und zusätzlich über 240 Tonnen lokal produziert. Dadurch konnten Zuchttiere erhalten und die Milchversorgung vieler Familien gesichert werden.

Mehr als Krisenhilfe

Anticipatory Action bedeutet jedoch mehr als reine Krisenvorsorge. Ziel ist es, die Widerstandsfähigkeit der betroffenen Gemeinschaften langfristig zu stärken. Deshalb verbindet VSF-Suisse frühzeitige Hilfe mit dem Aufbau lokaler Tiergesundheitsdienste, der Ausbildung von Tiergesundheitshelferinnen und -helfern sowie der Förderung klimaangepasster Produktionssysteme.

Dieser Ansatz gewinnt angesichts zunehmender Wetterextreme und anhaltender Unsicherheiten weltweit an Bedeutung. Allein 2024 erreichte VSF-Suisse über eine Million Menschen mit humanitärer Unterstützung und behandelte oder impfte mehr als sieben Millionen Tiere.

Gesellschaftliche Wirkung

Für Tierärztinnen und Tierärzte mag die Behandlung eines einzelnen Tieres im Vordergrund stehen. In den pastoralen Regionen des Horns von Afrika hat Tiergesundheit jedoch eine weitreichendere Bedeutung. Sie beeinflusst Ernährung, Einkommen, Bildungschancen und soziale Stabilität ganzer Gemeinschaften.

Anticipatory Action zeigt, dass veterinärmedizinisches Wissen weit über die Tiergesundheit hinauswirken kann. Wer Tierbestände rechtzeitig schützt, trägt dazu bei, Hunger, Vertreibung und langfristige Abhängigkeit von humanitärer Hilfe zu verhindern. Gerade in fragilen Regionen ist Tiergesundheit deshalb nicht nur eine veterinärmedizinische Aufgabe, sondern ein zentraler Baustein nachhaltiger Entwicklung.

Behandlung einer Schafherde in Somalia. © Fairpicture

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