Journal Schweiz Arch Tierheilkd  
Verlag GST  
Heft Band 168, Heft 5,
Mai 2026
 
ISSN (print) 0036-7281  
ISSN (online) 1664-2848  
online seit 05 Mai 2026  
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Vet-Info

Im Einsatz in Nordzypern

Esther Geisser, Präsidentin und Gründerin von NetAP

In Nordzypern arbeiten Behörden, Politik, Tierärzteschaft und Tierschützer Hand in Hand, um die Situation der Strassenhunde zu verbessern. Ein Beispiel, das auch anderswo Schule machen sollte.

Im Februar 2023 erreichte die Tierschutzorganisation NetAP ein verzweifelter Hilferuf aus der Türkischen Republik Nordzypern. Die Erdbebenkatastrophe in der Türkei und in Syrien hatte die Welt erschüttert, und indirekt betroffen von dieser Krise war auch Nordzypern. Im kleinen, einzig von der Türkei als Republik anerkannten Teil der Insel Zypern, war die Lage der Tiere bereits vor diesem Ereignis mehr als prekär. Tierheime waren komplett überfüllt, teils mit verletzten und schwer kranken Tieren, es wurde viel zu wenig kastriert, Futter war knapp oder gar nicht vorhanden und die medizinische Versorgung desolat. Nun aber wurden die wenigen Gelder, die ursprünglich für den lokalen Tierschutz zur Verfügung standen, in die humanitäre Hilfe für die Erdbebenopfer in der Türkei umgeleitet.

Nach einer ersten Futter-Soforthilfe setzten sich NetAP und eine örtliche Tierschützerin mit der lokalen Veterinärbehörde in Verbindung. Ein erster Einsatz vor Ort wurde geplant, um sich ein genaueres Bild der Situation zu verschaffen, Tiere zu kastrieren und möglichst auch interessierte, lokale Tierärztinnen und Tierärzte in minimalinvasiven Kastrationstechniken zu schulen.
Die Schweizer Tierärztin Lisa Goldinger leitete diesen erfolgreichen Einsatz. Es wurden Tierheime besucht, Gespräche geführt, Tierärzte geschult, 103 Hunde und Katzen kastriert und weitere medizinische Eingriffe vorgenommen, Pläne geschmiedet, organisiert, improvisiert und versucht, die Situation der Tiere vor Ort möglichst umfassend zu verstehen.

Herzliches Willkommen

Selten fühlte sich ein Einsatzteam so willkommen, wie in dieser Region der Erde. Der Chef der Veterinärbehörde, Burak Toksoy, hatte im Vorfeld alles organisiert, was für den Einsatz von Nöten war. Zudem hatte er lokale Tierärztinnen und Tierärzte, TPA und Studierende aufgefordert, bei der Aktion mitzumachen, um den Erfahrungsaustausch zu fördern und NetAP zu ermöglichen, einige felderprobte Techniken an die lokalen Kollegen weiterzugeben. Auch in den besuchten Tierheimen wurden die Einsatzkräfte herzlich willkommen geheissen. Selbst die First Lady der Republik, Sibel Tatar, liess es sich nicht nehmen, sich ein persönliches Bild von der Arbeit der Tierschützerinnen und Tierschützer zu machen.

Rasch folgte ein weiterer Einsatz, und schon ab Juli 2023 konnte mit einigen tierschutzaffinen lokalen Tierärzten ein laufendes Kastrationsprogramm implementiert werden. Flankiert wurden diese Aktivitäten von regelmässigen Einsätzen vor Ort, weiterhin unter der Leitung von Lisa Goldinger. Nebst den Kastrationen standen und stehen immer noch Verbesserungen in den Tierheimen im Fokus und natürlich die Weiterbildung der lokalen Tierärzteschaft und von Tierschützern. Regelmässig mit dabei waren Anästhesisten der Vetsuisse-Fakultät Zürich, die für eine perfekte Narkoseüberwachung sorgten. Dabei sammelten sie Daten, die in Masterarbeiten, Doktorarbeiten und Fachartikeln publiziert wurden. Es wurde dafür ein eigenes, für die Feldarbeit entwickeltes Schmerz-Scoring verwendet. Ziel dieser Arbeiten ist eine Verbesserung der postoperativen Analgesie.

Über ein Dutzend Einsätze

Inzwischen war Lisa Goldinger bereits ein Dutzend Mal auf der Insel, manchmal allein, meist aber mit einem hochmotivierten Einsatzteam. Sie leitete die Kastrationseinsätze, führte Verhandlungen und begleitete all die erzielten Fortschritte. Diese lassen sich durchaus sehen. Rund 8000 Hunde und Katzen wurden inzwischen im Rahmen der Einsätze oder der Programme untersucht, behandelt, geimpft und kastriert, und mehrere Tierheime verbessert. Und – darauf sind alle besonders stolz – durch die Unterstützung von Politik, Behörden, örtlichen Tierschützern und der Arbeit von NetAP fand der Schutz der Tiere sogar Einzug ins lokale Gesetz.

Natürlich wird die Euphorie über die Erfolge auch immer wieder einmal gebremst. Wie in anderen Ländern zu beobachten ist, entwickelte sich auch in Nordzypern eine gewisse Anspruchs-
haltung gegenüber der ausländischen Hilfe. Die anfänglichen Tierschutzpreise der lokalen Tierärzte schossen schnell in die Höhe. Allerdings erlaubt dies auch, diejenigen Veterinäre zu erkennen, die die Situation aus Überzeugung und nicht des Geldes wegen verbessern wollen. Nur diese werden dann langfristig in die Projekte eingebunden. 

Noch gibt es verschiedene Hürden zu meistern. Nicht in allen Gemeinden wird Tierschutz gleich grossgeschrieben. Aber damit können die NetAP-Einsatzkräfte umgehen. In Kürze findet der nächste Einsatz vor Ort statt. Projektleiterin Goldinger freut sich schon jetzt darauf. Und so auch das ganze Einsatzteam.

Nebst den Kastrationen stehen Verbesserungen in den Tierheimen im Fokus. © zvg

Teammitglieder gesucht

Die Tierschutzorganisation NetAP führt sowohl in der Schweiz als auch im Ausland regelmässig Kastrationseinsätze durch und freut sich, wenn erfahrene Tierärztinnen und Tierärzte mit Affinität zum Tierschutz Teil des Teams werden möchten. Fordern Sie unverbindlich den Tierärzte-Fragebogen bei info@netap.ch an.

 
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