Fokus
Eine Praxis nur für Katzen
Die Tierärztin Carol Zahnd und der Tierethiker Nico Müller haben die Katzenpraxis FeliVet gegründet. Es ist erst die zweite reine Katzenpraxis der Schweiz.
Die Tierärztin Carol Zahnd hat sich schon gerne und oft um Katzen gekümmert, als sie noch in einer Gemischtpraxis arbeitete. Dabei hat sie die Stubentiger als «sehr kooperativ» erlebt: «Gewährt man ihnen Freiraum, gewinnt man sie für sich.»
Während zweier Jahre hat Carol Zahnd ihr Wissen in der Katzenmedizin vertieft und bei Improve Veterinary Education das General Practitioner Certificate in Feline Practice – kurz GPCert(FelP) – erworben. Und Anfang Jahr hat die 35-Jährige in Zuchwil, in Gehdistanz zum Solothurner Bahnhof, eine reine Katzenpraxis eröffnet. Ihr Partner, der Tierethiker Nico Müller, ist Mitinhaber von FeliVet. Zusammen haben sie die Einrichtung und die Abläufe geplant, immer mit dem Ziel, dass die Katzen beim Tierarztbesuch so entspannt wie möglich sind.
Die Samtpfoten warten nicht im Empfangsbereich, sondern kommen direkt in ein Konsultationszimmer, ohne andere Katzen zu kreuzen; auf dem Weg dorthin sorgen Pheromone für Entspannung. Im Konsultationszimmer mit warmen, weichen Oberflächen kann das Tier sich frei bewegen und den Raum mit Katzengras, Katzenklo, Behandlungstisch, Aussichtsplattform und einem kuscheligen Korb erkunden. «Die Katze liest selber aus, wo sie untersucht werden will», sagt Carol Zahnd. Viele Katzen meiden den Behandlungstisch, da sie zu Hause nicht auf den Tisch springen dürfen. «Müssten sie bei uns unbedingt auf den Behandlungstisch, könnte das für sie ein Stress sein.» Ein Schlecksnack sorgt dafür, dass die meisten Katzen gar nicht merken, dass die Tierärztin sie untersucht, sie impft oder ihnen Blut entnimmt. Und wenn ein Tier doch einmal unruhig ist, setzt Carol Zahnd auf eine Wickeltechnik mit Decken. «Einen Nackengriff gibt es bei uns nicht.»
Die allererste Katzen-Praxis
Was im englischsprachigen Raum gang und gäbe ist, hat in der Schweiz noch Seltenheitswert: So ist Felivet erst die zweite reine Katzenpraxis. Die erste hat Leslie Wohlgroth vor gut drei Jahren eröffnet. Mit der Katzen-Praxis in Horgen hat sie sich einen langersehnten Traum erfüllt: «Ich wollte das schon im Studium.» Doch zuerst übernahm sie 2009 als Mitinhaberin eine Kleintierpraxis. «Die Schweiz wäre damals noch nicht bereit gewesen für eine Katzenpraxis, und ich hatte auch nicht genügend Erfahrung.» Doch seither hat sie ihr Wissen rund um Katzen vertieft. Und vor drei Jahren hat sie sich gesagt: «Jetzt oder nie.» Sie hat ihren Anteil an der Kleintierpraxis verkauft, die Katzen-Praxis eröffnet und wieder von vorne begonnen. «Das Risiko hat sich gelohnt, ich würde es wieder tun.»
Es mache Spass, sich auf eine einzige Tierart zu konzentrieren. «Ich tauche voll ein und weiss viel mehr, als wenn ich zehn Tierarten abdecken würde.» Leslie Wohlgroth bildet sich auch jetzt noch ständig weiter. Rund 200 Weiterbildungsstunden absolviert sie im Jahr, an Wochenenden, am Abend, an Online-Kongressen. Die meisten Kurse besucht sie im englischsprachigen Raum: «Dort ist das Niveau der Katzenmedizin viel höher als hier.»
Ihre Kundschaft stelle sehr hohe Ansprüche. Einige waren mit ihrem kranken Tier bereits bei anderen Spezialisten, bevor sie in die Katzen-Praxis kommen. «Oftmals werde ich um eine Dritt- oder Viertmeinung angefragt.» Das brauche viel Wissen, mache aber auch Spass. Wegen der Ansprüche der Kundschaft hat sie ihre Praxis schneller und technisch stärker ausgebaut als geplant. Nun hat sie auch zusätzliches Personal eingestellt. «Da hatte ich ein Luxusproblem», sagt sie: «Ich hatte zu viele Bewerbungen. Offenbar scheint das Interesse für eine reine Katzenpraxis da zu sein.»
Der Tierethiker
Das spürt auch FeliVet: Die Agenda füllt sich schneller als gedacht. «Unser Ziel war es, eine Struktur zu schaffen, in der ethische Probleme möglichst gar nicht entstehen», sagt Mitinhaber Nico Müller. So rät FeliVet den Tierhaltenden, eine Versicherung für ihre Stubentiger abzuschliessen. Und indem die Praxis für die Katzen möglichst stressfrei ist, sollen die Tierhaltenden sie vermehrt nicht nur im Notfall in die Praxis bringen, sondern regelmässig zu Routineuntersuchungen. «Wir verstehen uns nicht als Reparaturwerkstatt», sagt Müller. «Die Katze soll gesund und entspannt sein und es bleiben.»
Auszeichnung für katzenfreundliche Praxen
Ein Besuch in der Tierarztpraxis ist für viele Katzen so stressig, dass ein Drittel der Katzenhalterinnen und -halter den Besuch aufschiebt. Das zeigen Zahlen der Organisation «International Cat Care». Sie möchte dies ändern und zeichnet darum weltweit Tierarztpraxen aus, welche besonders auf die Bedürfnisse von Katzen eingehen – beispielsweise mit einem Warteraum, in dem sich Katzen und Hunde nicht begegnen. Auch in der Schweiz tragen mehrere Praxen das Silber-Label, die beiden Katzenpraxen sogar das Gold-Label der «Cat friendly Clinics».
Die Hilfe der GST
Eine eigene Praxis zu eröffnen, braucht Mut. Carol Zahnd und Nico Müller haben bei der Gründung von FeliVet viel von der Mitgliedschaft bei der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) profitiert. «Die GST bietet viele Hilfsangebote», sagt Carol Zahnd, die auch den Kurs Management for Vets besucht hat.

