Vet-Info
«Bei mir ist das Glas immer halb voll»
Sie wollte nie auf einem Amt arbeiten. Nun geht Dagmar Heim nach dreissig Jahren in der Verwaltung in Pension – und ist immer noch erstaunt über ihren Werdegang.
«Mir ist wichtig, mit den Menschen zu sprechen und zu erkennen, was sie benötigen»: Dagmar Heim setzt auf den direkten Kontakt und den Austausch, um Probleme anzugehen. Die Tierärztin arbeitet seit dreissig Jahren für das heutige Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) und ist darum bemüht, Lösungen zu finden, die den Tierärztinnen und Tierärzten helfen.
Dagmar Heim ist in Stuttgart aufgewachsen und hat in Berlin Veterinärmedizin studiert. Nach dem Studium suchte sie vergebens nach Arbeit: «In den 1990er-Jahren war es noch sehr schwierig, eine Anstellung als Tierärztin zu finden.» So verdiente sie ihr Geld in einer Schreinerei und arbeitete daneben gratis in einer Kleintierpraxis. Nach einem Jahr zog sie in die Schweiz und schrieb ihre Dissertation am Institut für Immunologie und Virologie (IVI). «Daneben habe ich bei den Fragen rund um BSE mitgeholfen.» Ein erster Fall von Rinderwahn (Bovine spongiforme Enzephalopathie, kurz BSE) war in der Schweiz 1990 diagnostiziert worden. 1996 gab es in Grossbritannien die ersten Fälle beim Menschen, was auch in der Schweiz zu Ängsten in der Bevölkerung führte. «Das BLV fragte mich an, um in der Krise bei der Telefon-Hotline zu helfen.» Und danach erhielt sie ein Stellenangebot vom BLV. «Meine erste Reaktion war: Ich gehe doch auf kein Amt – und jetzt bin ich immer noch da», sagt Dagmar Heim lachend.
Sie kann nicht still sitzen
Die Arbeit auf einer Behörde stellte sie sich sehr langweilig vor. «Ich hatte Angst, dass ich Vorgaben erhalte, hinter denen ich nicht stehen kann. Und ich kann kaum mehr als eine Stunde still auf einem Stuhl sitzen.» Doch sie hatte beim BLV immer spannende Aufgaben: «Ich hatte offene Projekte, die ich recht selbständig umsetzen konnte. Das war genau das Richtige für mich.» Nun geht sie Ende Mai in Pension, zehn Monate vor ihrem offiziellen Pensionsalter. Ihre Nachfolge übernimmt Julia Ahlskog, die bereits heute beim BLV arbeitet.
Dagmar Heim war bekannt als «Madame BSE». Trat BSE erstmals in einem Land auf, reiste sie oft als Teil einer Expertengruppe hin, um das Land bei der Bekämpfung der Tierseuche zu beraten und zu unterstützten. «Das war unheimlich spannend». Sie war beispielsweise in den USA, Südkorea, Japan und Kanada und hatte Einblick hinter die Kulissen.
Später hat sich Dagmar Heim beim BLV auch um die Bovine Virus-Diarrhoe (BVD) gekümmert, danach um Lebensmittelhygiene – und kam dann zu den Tierarzneimitteln. Heute leitet sie den Fachbereich Tierarzneimittel und One Health. In all den Jahren hat sie ein grosses Kontaktnetz geknüpft. «Ich finde Arbeitsgruppen spannend, in denen man nach Lösungen sucht, die für alle stimmen.» Doch ist ihr auch bewusst, dass sie manchmal Entscheide gefällt hat, die nicht alle zufriedengestellt haben. «Das gehört zu meiner Arbeit.» Wichtig sei ihr jedoch, dass sie mit Menschen auch bei Meinungsunterschieden im Austausch bleibe. «Man kann zusammen einen Kaffee trinken, auch wenn man unterschiedliche Ansichten hat.» Und manchmal helfe auch einfach eine gute Portion Humor weiter, um Situationen zu entspannen.
Gegenseitiges Verständnis
Wichtig sei ihr auch, dass den praktizierenden Tierärztinnen und Tierärzten bewusst sei, dass die Verwaltung nicht extra für sie «schlechte» Lösungen produziere. Manchmal sei vielleicht der Weg zu neuen Entwicklungen nicht verständlich. «Aber hier hockt keiner am Schreibtisch und erfindet etwas, um die Tierärzteschaft zu ärgern.» Darum sei zwischen Behörden und Praktikern gegenseitiges Verständnis nötig.
Dagmar Heim ist für die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) ein wichtiges Bindeglied ins BLV. Sie informiert die GST frühzeitig über neue Entwicklungen, gleichzeitig erfährt sie durch die GST, wo bei einem Projekt Stolpersteine liegen könnten.
Rückblickend ist Dagmar Heim stolz, dass sie sich nie von Schwierigkeiten hat abhalten lassen. «Bei mir ist das Glas immer halb voll. Wenn ein Problem auftaucht, will ich es lösen.» Sie freut sich über die Erfolge, welche die Tierärzteschaft mit StAR – der Strategie Antibiotikaresistenzen – erzielt hat. «Es ist enorm, was sich da im Veterinärbereich getan hat.» Sorgen macht ihr der Versorgungsengpass bei den Tierarzneimitteln. «Da gibt es keine einfache Lösung.»
Einsätze im Ausland
Aus der BSE-Zeit kannte die Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH) Dagmar Heim. Sie wurde angefragt, beim Programm Performance of Veterinary Services (PVS) mitzumachen. Und so reist sie seit rund zwanzig Jahren einmal im Jahr in ein Land, um zusammen mit anderen Fachleuten den dortigen Veterinärdienst nach insgesamt 45 Kriterien zu beurteilen. «Wir diskutieren alles und gehen auch ins Feld.» Diese zweiwöchigen Einsätze seien sehr spannend, aber auch anstrengend. Dagmar Heim war bereits in Bhutan, Mazedonien, Montenegro, Indonesien, Kirgistan und vielen anderen Ländern. Die Mentalitäten seien sehr unterschiedlich. «Einige Veterinärdienste nehmen uns sehr offen auf, andere muss man zuerst davon überzeugen, dass wir ihnen Verbesserungsvorschläge aufzeigen wollen.»
Auch künftig wird Dagmar Heim am PVS-Programm teilnehmen und in ferne Länder reisen. «Wir haben eine so tolle Ausbildung und so viel Erfahrung – davon möchte ich etwas weitergeben.» Gleichzeitig lerne sie beim internationalen Austausch selber viel.
Sonst hat Dagmar Heim keine grossen Pläne für die Zeit nach ihrer Pensionierung. «Ich freue mich darauf, das erste Mal in meinem Leben keinen Plan zu haben – seit meiner Schulzeit habe ich immer durchgearbeitet.» Sie wird sicher mehr Zeit in ihrem grossen Garten, mit ihren drei Katzen und an Openair-Konzerten verbringen und viel lesen. «Ich werde mich nicht langweilen.»

