Journal Schweiz Arch Tierheilkd  
Verlag GST  
Heft Band 168, Heft 7,
juillet 2026
 
ISSN (print) 0036-7281  
ISSN (online) 1664-2848  
online seit 07 juillet 2026  
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Lettres à la rédaction scientifique

Wie Menschen Zoo- und andere Tiere nutzen: Der Kontext bestimmt, was akzeptabel ist

M. Clauss, J. P. Meireles; Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere, Vetsuisse-Fakultät, Universität Zürich, Schweiz

Im letzten Jahr haben wir erklärt, warum gute Tierpflege und hochwertige medizinische Betreuung zusammen mit beschränktem Platzangebot beim Management kleiner Tierpopulationen zu einem Problem führen – zum Beispiel in Zoos.3 Wenn man Tiere nicht gezielt tötet, um Platz für neue Generationen zu schaffen, wird der vorhandene Raum immer mehr von hervorragend betreuten, älteren Tieren besetzt. Dadurch wird es schwierig, die Population auf Dauer stabil zu halten. Inzwi­schen konnten wir genau diese Entwicklung mit Daten von mehr als 700 Säugetiergruppen in Zoos belegen.4

In den folgenden Gesprächen mit Medien haben wir gemerkt, dass viele Menschen Zoos nicht als Orte gemanagter Populationen betrachten, sondern durch die Brille der Haustierhaltung – als wären Zootiere Gefährtentiere. Als wir zum Beispiel gefragt wurden: «Sie sind wohl auch dafür, ältere Menschen einzuschläfern?», antworteten wir: «Nein – aber wir sind auch nicht dafür, Teenager zu kastrieren.» Die überraschte Reaktion zeigte, dass viele Menschen Fortpflanzung gar nicht als wichtigen Teil des Tier­lebens sehen. Das könnte daran liegen, dass wir ­­Haus- und Nutztiere oft daran hindern, sich fortzu­pflanzen – ohne gross darüber nachzudenken.

Ein paar einfache Fragen machen deutlich, dass unsere Einstellung zu Tieren stark von dem Zweck abhängt, zu dem das Tier gehalten wird. Wenn sich ein Haustier mehr bewegen möchte, als uns lieb ist: Dürfen wir es permanent anketten, pharmakologisch ruhigstellen oder ihm sogar die Gliedmassen amputieren, damit es sich weniger bewegt? Natürlich nicht! Und wenn es sich öfter fortpflanzen möchte, als uns lieb ist: Dürfen wir es permanent von Geschlechtspartnern fernhalten, pharmakologische Kontrazeption einsetzen, oder die Gonaden amputieren? Die Antwort ist klar: das machen wir andauernd! Dass wir diese prinzipiell ähnlichen Fragen ganz unterschiedlich beantworten, zeugt weniger von ethischer Inkonsistenz, als davon, dass wir Tierleben immer in einem bestimmten Kontext bewerten.

Die Haustiere, die wir nutzen, stammen aus Zuchtpopulationen, über die wir kaum nachdenken. Wenn wir Fleisch, Käse oder Eier essen oder die Gesellschaft eines Hundes oder einer Katze geniessen, fragen wir selten, wie diese Tierarten langfristig erhalten werden können. Wir denken auch meist nicht darüber nach, dass diese Tiere oft unter Bedingungen aufwachsen, die nicht natürlich sind, und sich meist nicht fortpflanzen dürfen. Achtung, das ist kein Vorwurf. Es wäre sehr schwierig, sich ein System auszudenken, in dem jedes einzelne Gefährtentier sich fortpflanzen und seine Jungen aufziehen könnte. Wenn wir den Menschen unserer Gesellschaft das Recht zusprechen wollen, sich Gefährtentiere halten zu dürfen, dann geht das nur mit weitgehender Kontrolle der Fortpflanzung. Aber dies ist keine bewusste Entscheidung im Sinne des Tierwohls, sondern der praktischen Umsetzung unseres Wunsches, über den meist nicht nachgedacht wird.

Menschen kennen vor allem Gefährtentiere. Wer mit Gefährtentieren umgeht, kann leicht zu der Ansicht kommen, dass man sich über den Erhalt von Tierpopulationen keine Gedanken machen muss (man kann ja einfach ein neues Tier kaufen oder retten), 
und dass es völlig normal ist, Tieren die Fortpflanzung zu verweigern. Und so entsteht ein bestimmtes Bild von Tieren in unserer Gesellschaft – das oft völlig losgelöst ist vom Fleisch im Kühlregal. 
Zootiere sind keine Gefährtentiere, auch wenn manche Zoos ihre Tiere manchmal so vermarkten. Zootiere sollen nicht nur die Besucher erfreuen, sie sollen informieren, begeistern, Spendengelder für Artenschutzprojekte generieren, als Reserve­populationen dienen, von denen manchmal sogar einzelne Tiere für Wiederansiedelungsprojekte ausgewählt werden – und so zum Schutz von Arten beitragen. Für all diese Zwecke ist die Voraussetzung, dass sich eine Zootier-Population selbst erhalten kann. Und das bedeutet, sie muss sich (regelmässig) fortpflanzen.

Wer ein Gefährtentier hat – einen Hund oder eine Katze –, der trägt die Verantwortung für dieses einzelne Tier und sorgt für es, so lange dies mit einem erträglichen Leben vereinbar ist. Die Fortpflanzung wird einem solchen Tier fast immer verwehrt. In der Landwirtschaft müssen Nutztiere wirtschaftlich gehalten werden, was weder lebenslange Betreuung noch natürliche Fortpflanzung für jedes Tier erlaubt. Zoos dagegen kümmern sich bewusst um kleine Tiergruppen, die auf Dauer bestehen sollen. Dafür ist es wichtig, dass sich die Tiere fortpflanzen können; die Fortpflanzung spielt auch für ihre Lebensqualität eine wichtige Rolle.5 Und es ist dem Ziel der Erhaltung der Population abträglich, wenn einzelne Tiere so lange wie möglich am Leben gehalten werden, weil dann der Platz für die nächsten Generationen fehlt.

Menschen nutzen und töten Tiere unentwegt – oft auch unbeabsichtigt.2 Dies kann unter nahezu jedem ethischen Konzept gerechtfertigt werden.1 Manche Nutzungsrichtungen, wie die kommerzielle Pelzproduktion, lehnen viele Menschen ab, weil sie als unnötig und die deshalb notwendigen Lebensbedingungen für Tiere als nicht verhältnismässig gelten. Tiere als Lebensmittel oder als Gefährten zu nutzen ist hingegen gesellschaftlich akzeptiert. Auch Zoos handeln in einem bestimmten Rahmen: gute Tierhaltung, kleine Gruppen, wenig Platz. Damit diese Tiergruppen dauerhaft bestehen können, brauchen sie Raum für neue Generationen – und die Möglichkeit, sich immer wieder fortpflanzen 
zu können.

Unsere Gesellschaft sollte sich von einfachen Aussagen wie «ein gesundes Tier darf man nicht töten» lösen. Solche Sätze greifen zu kurz, und ignorieren zum Beispiel, wie wir Nutztiere nutzen. Stattdessen brauchen wir offene Gespräche, die den jeweiligen Nutzungszweck und seine logistischen Rahmenbedingungen berücksichtigen.

Wir sollten ehrlich darüber sprechen, welche Ziele wir mit der Nutzung von Tieren verfolgen und unter welchen Bedingungen das geschieht. Viele dieser Systeme nutzen wir ganz selbstverständlich – oft ohne darüber nachzudenken. Wir akzeptieren, dass junge, gesunde Tiere für Lebensmittel getötet werden. Wir akzeptieren, dass gesunde Gefährtentiere ihr Leben lang an der Fortpflanzung gehindert werden. Und wir sollten die Bedeutung der Fortpflanzung für Tierleben nicht nur deshalb kleinreden, um unser Gewissen als Gefährtentier-Halter zu schonen.

Zootiere sind eine Kategorie für sich. Wenn wir möchten, dass Zoos zum Arterhalt beitragen, müssen wir ihnen auch die nötigen Möglichkeiten dafür geben. Und nicht fordern, dass sie Zootiere wie Gefährtentiere behandeln.

Korrespondenzadresse

M. Clauss, J. P. Meireles
Clinic for Zoo Animals, Exotic Pets and Wildlife, Vetsuisse Faculty, University of Zurich, Switzerland
mclauss@vetclinics.uzh.ch

Literaturverzeichnis
1 Allen B, Abraham AJ, Arlinghaus R, Belant J, Blumstein DT, Bobier C, et al.: Ethical arguments that support intentional animal killing. Front Ecol Evol 2025: 13: 1684894. https://doi.org/10.3389/fevo.2025.1684894
2 Allen BL, Bobier C, Dawson S, Fleming PJ, Hampton J, Jachowski D, et al.: Why humans kill animals and why we cannot avoid it. Sci Tot Environ 2023: 896: 165283. https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2023.165283
3 Clauss M, Roller M, Bertelsen MF, Rudolf von Rohr C, Müller DWH, Schiffmann C, et al.: Zoos must embrace animal death for education and conservation. PNAS 2025: 122(1): e2414565121. https://doi.org/10.1073/pnas.2414565121
4 Meireles JP, Hahn-Klimroth M, Bingaman Lackey L, van Eeuwijk N, Bertelsen MF, Dressen S, et al.: Aging populations threaten conservation goals of zoos. PNAS 2026: 123: e2522274123. https://doi.org/10.1073/pnas.2522274123
5 Schiffmann C, Schiffmann L, Müller E, Cowl VB, Müller DHW, Clauss M: Solvable challenges, meaningful lives – welfare and reproduction in zoo animals. J Zoo Aquar Res 2025: 13(4): 245-263. https://doi.org/10.19227/jzar.v13i4.902

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