Fokus
Floating Doctors: Wenn Medizin mit dem Boot kommt
Als Floating Doctor unterwegs in den abgelegenen Regionen Panamas: Ein Erfahrungsbericht über gelebte One Health in den Gemeinschaften der Ngäbe-Buglé.
Es ist eine ruhige und milde Nacht in La Sabana, bis die Hahnenschreie um vier Uhr morgens den Tag einläuten und ich in meiner Hängematte erwache.
La Sabana ist eines der 25 Dörfer, die wir im Archipel Bocas del Toro an Panamas Karibikküste alle drei Monate besuchen. Mit einer einstündigen Bootsfahrt, einer halbstündigen Taxifahrt und einer drei- bis vierstündigen Wanderung durch den Dschungel des Festlands gehört es zu den abgelegensten Orten, die wir besuchen – und zu meinen Lieblingsgemeinschaften.
Unsere Arbeit beginnt am Montag nach der Ankunft mit einer Informationsveranstaltung zum Thema HIV. Anschliessend können sich die Bewohnerinnen und Bewohner kostenlos testen lassen. Schon bald fragen einige, ob wir in den kommenden zwei Tagen auch Tiere behandeln werden. Neben Hunden, Katzen und Schweinen sind dies in La Sabana vor allem Pferde. Sie sind hier das einzige Transportmittel und ein unentbehrliches Arbeitsgerät.
Dienstag und Mittwoch gehören der mobilen Klinik. Manche Menschen und ihre Tiere reisen dafür tagelang aus noch weiter entfernten Dörfern an. Es sind lange Tage in der schwülen Hitze Panamas, doch nach rund 150 behandelten Tieren und ebenso vielen menschlichen Patientinnen und Patienten ist die Dankbarkeit gross.
Ein Fall beschäftigt meine spanische Tierarztkollegin und mich besonders: Ein elf Monate alter Hund mit Ödemen im Gesicht und an den Extremitäten und einer kollabierten Blase ist apathisch und schwach. Im Ultraschall finden wir Aszites, eine reduzierte kortikomedulläre Differenzierung sowie eine milde Pyelektasie. Es sei nicht der erste Hund mit diesen Symptomen, erzählen uns die Dorfbewohner. Der Verdacht auf eine schwere Infektionskrankheit liegt nahe. Eine labordiagnostische Bestätigung ist vor Ort nicht möglich; für die Therapie muss uns der klinische Verdacht genügen. Eine Euthanasie kommt aufgrund kultureller Vorstellungen oftmals nicht infrage – auch in diesem Fall nicht. So bleibt uns nur, den Hund symptomatisch zu behandeln und zu hoffen.
Solche Fälle zeigen, wie schwierig unsere Arbeit hier sein kann. Unser Material muss mit Pferden transportiert werden, fliessendes Wasser und Elektrizität gibt es nicht. Impfstoffe und Medikamente können wir deshalb nur in begrenztem Umfang mitführen und jeweils nur einen Teil der Tiere impfen. Hinzu kommt, dass viele Menschen ihre Tiere erst bringen, wenn diese bereits krank sind und wir nur noch begrenzt helfen können. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist deshalb die Aufklärung: über Impfungen, Entwurmungen und Kastrationen, aber auch über den Umgang mit Tieren und die Bedeutung regelmässiger Besuche unserer mobilen Klinik.
Die Ngäbe-Buglé sind eine der sieben indigenen Bevölkerungsgruppen Panamas und sprechen Ngäbere; Spanisch wird in der Schule als erste Fremdsprache unterrichtet. Viele leben abgelegen auf verstreuten Inseln oder im schwer zugänglichen Dschungel. Genau dort setzt die Arbeit von Floating Doctors an: Unser Team versucht, den Menschen Zugang zur medizinischen Grundversorgung zu ermöglichen – für Mensch und Tier.
Dem Besitzer des jungen Hundes versuche ich in meinem stetig besser werdenden Spanisch zu erklären, dass sein Tier die nächsten Tage wohl kaum überleben wird. Solche Momente führen mir die Grenzen unserer Möglichkeiten vor Augen. Gleichzeitig sind es gerade die Begegnungen und kleinen Momente, die diese Arbeit so besonders machen.
Unser Abenteuer begann Anfang April, als wir unsere Taschen packten, um Teil des Teams von Floating Doctors zu werden. Seither reisen wir Woche für Woche in einem internationalen Team per Boot, Bus oder zu Fuss von unserer Basis auf San Cristóbal in die Dörfer der Ngäbe-Buglé. Dabei gewinnen wir Einblicke in ihr Leben, wie wohl nur wenige andere Menschen. Ich erinnere mich an einen Hausbesuch, bei dem wir ein Schwein mit einem Rektumprolaps behandelten, einer Kuh mit Dasselfliegenbefall halfen und einen Hund nach einer meiner ersten eigenständigen Kastrationen nach Hause trugen, weil die ältere Besitzerin es selbst nicht mehr konnte. Ebenso bleiben mir die Begegnungen mit den Menschen: das Fussballspielen mit den Kindern, das Baden im Fluss nach langen, schweisstreibenden Arbeitstagen oder der Moment am Strand, als einige Mädchen mir die Haare flochten.
Am Donnerstag heisst es wieder Abschied nehmen. Vor uns liegt eine mehrstündige Wanderung, auf der uns zwei Flussüberquerungen und in der Regenzeit oft starker Regen erwarten. Nach drei Tagen mit Reis, Poulet und Bohnen freue ich mich aber auch auf unsere Basis, wo unser Küchenteam aus den umliegenden Dörfern abwechslungsreiche Mahlzeiten für uns zubereitet.
Zurück in San Cristóbal wartet zunächst der weniger aufregende Teil unserer Arbeit: Wir dokumentieren unsere Einsätze, erfassen den Bestand an Medikamenten und Verbrauchsmaterial, füllen die Taschen wieder auf und schreiben mögliche zukünftige Freiwillige an. Die Arbeit mit Freiwilligen gehört für mich zu den schönsten Teilen unseres Einsatzes. Wir vermitteln tiermedizinisches Wissen und chirurgische Fertigkeiten an Studierende aus aller Welt mit den unterschiedlichsten Vorkenntnissen. An diesem Nachmittag hilft mir Elena aus Südafrika, eine angehende Tierärztin im vierten Studienjahr, die für zwei Wochen bei uns ist.
Kiste für Kiste füllen wir die Vorräte auf. Die Medikamente stammen fast ausschliesslich aus Spenden; die begrenzten finanziellen Mittel der Organisation verwenden wir vor allem für Anästhetika und Verbrauchsmaterialien wie Nadeln und sterile Handschuhe. Danach bleibt Zeit für ein Volleyballturnier auf unserer auf Mangroven errichteten Basis. Am Ende spielen sogar unsere Bootsführer und ein Teil der Küchenmannschaft mit.
Am Freitagmorgen beginnt der Tag mit einem Beitrag aus unserem Team – heute mit einer Einführung ins Salsa-Tanzen. Kurz darauf versammeln sich bereits die ersten Patientinnen und Patienten aus Human-, Zahn- und Veterinärmedizin vor unserem Hauptgebäude. Elena freut sich besonders, als neben drei Welpen mit Durchfall und Hyporexie auch eine Hündin zur Kastration vorgestellt wird. Unter unserer Anleitung kann sie den Eingriff bereits zu einem grossen Teil selbstständig durchführen.
Nach dem Mittagessen und unserem wöchentlichen Teamtreffen fahren wir gemeinsam mit einem unserer Boote für das Wochenende nach Bocas, dem touristischen Zentrum im Herzen von Bocas del Toro. Es bleibt vor allem ein Gefühl: Dankbarkeit, dass wir Anfang April unsere Taschen gepackt haben – und Vorfreude auf die Begegnungen und Abenteuer, die noch vor uns liegen.

