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«Es war schwer, wieder zurück in die Schweiz zu kommen»
Aurélie Wright verbrachte im Rahmen des Masterstudiums ein einmonatiges Praktikum in den USA. Sie empfand den Aufenthalt als bereichernde Erfahrung.
Seit Sommer 2022 gehören ausseruniversitäre Praktika, sogenannte externe Praktika, zum Curriculum des Studiengangs der Veterinärmedizin. Masterstudierende der Vetsuisse-Fakultät müssen zwischen dem 9. und 11. Semester insgesamt zwölf Wochen beziehungsweise 60 Arbeitstage externe Praktika absolvieren. Dabei können die Studierenden selbst wählen, ob sie einen Praktikumsplatz in der Schweiz oder im Ausland suchen.
Aurélie Wright hat im Frühjahr 2026 ihr Studium an der Vetsuisse-Fakultät Bern erfolgreich abgeschlossen. Bereits vor ihrem Studium hatte die schweizerisch-amerikanische Doppelbürgerin im Rahmen eines Zwischenjahres nach dem Gymnasium in den Vereinigten Staaten ein Praktikum in einer Veterinärpraxis absolviert. Im Verlauf der letzten eineinhalb Jahre an der Universität Bern kamen insgesamt weitere drei Monate externe Praktika hinzu: zwei Monate Praktika in der Schweiz und ein Monat in den USA. «Ich wollte meine Familie sehen», zählt sie einen der Gründe für ihr Auslandspraktikum auf. Für die Dauer des Praktikums kam sie bei ihren Verwandten unter. Während ihres Zwischenjahres vor dem Studium hatte sie in den USA einen Chirurgen kennengelernt, der ihr ein paar Jahre später von der Klinik erzählte, bei der sie schliesslich den externen Praktikumsvertrag unterschrieb.
Hohe Erwartungen
Bei «Rise Pet Health», einer privaten Klinik in Laguna Hills, Südkalifornien, begleitete Aurélie Wright verschiedene Tierärztinnen und Tierärzte durch ihren Alltag. Welche Unterschiede hat sie zwischen der Arbeit in den USA und der Schweiz bemerkt? «Viel mehr als gedacht!» Tierärztinnen und Tierärzte geniessen in Südkalifornien ein höheres Ansehen und beziehen höhere Löhne als in der Schweiz. Dies ziehe aber auch gesteigerte Erwartungen der Kundinnen und Kunden mit sich. Tierbesitzende würden grundsätzlich öfter Online-Bewertungen zu Kliniken hinterlassen und bei Unzufriedenheit eher dazu neigen, die Tierärztinnen und Tierärzte anzuklagen. Dies war mit ein Grund, weshalb es der Praktikantin nicht erlaubt war, bei Konsultationen oder Operationen selbst Hand anzulegen. Die Verantwortlichen der Klinik wollten keine Anzeige riskieren, indem sie eine Praktikantin an den Patienten arbeiten liessen. Einfachere Tätigkeiten wie Blutentnahmen waren daher auch unter Supervision nicht möglich. Für Aurélie Wright war dies allerdings in Ordnung, da sie zuvor bereits genügend praktische Erfahrungen in der Schweiz sammeln konnte. So verbrachte sie ihren Alltag im Praktikumsbetrieb, indem sie die Spezialistinnen und Spezialisten der Privatklinik in ihrem Arbeitsablauf begleitete, bei Konsultationen zusah und an Fallbesprechungen teilnahm. Sie bekam jede Woche Einblicke in die Onkologie, Notfallmedizin und innere Medizin. Voruntersuchungen und Anamnesen wurden meistens von einer Art Tiermedizinischen Praxisassistentinnen durchgeführt, sogenannten «veterinary technicians». Um «veterinary technician» zu werden, benötigen US-amerikanische Staatsbürger ein entsprechendes Collegediplom. Nach der Voruntersuchung, wo Tierhaltende meist noch dabei sind, wird das zu behandelnde Tier in einen Hinterraum gebracht für die Konsultation durch eine Spezialistin oder einen Spezialisten: Anders, als es in Schweizer Praxen oft der Fall ist, sind die Tierbesitzerinnen und -besitzer bei den Konsultationen nicht mehr mit im Raum.
Die 26-Jährige betont, dass die Bevölkerung im südkalifornischen Orange County im Schnitt wohlhabender und die Wirtschaftslage besser ist als in anderen US-Staaten. «Rise Pet Health» ist eine spezialisierte Klinik, die nur Überweisungen und Notfälle in Behandlung nimmt und keine Allgemeinpraktikerinnen und -praktiker beschäftigt. Beide Faktoren führen somit zu höheren Behandlungskosten. Eine Kreuzbandrissoperation (Tibial Plateau Leveling Osteotomy) koste in einem Schweizer Tierspital mit allen damit zusammenhängenden Leistungen rund vier- bis fünftausend Franken; die Kosten für dasselbe Verfahren bewegten sich in den USA um rund zehntausend Dollar. Vermutlich seien hierauf auch die höheren Löhne zurückzuführen.
Positives Arbeitsklima
Die Mentalität der US-amerikanischen Tierärztinnen und Tierärzte sei von Offenheit, Freundlichkeit, aber auch von einer gewissen Oberflächlichkeit geprägt, sagt Aurélie Wright. Es sei zwar einfacher, einen ersten Kontakt mit Fremden zu knüpfen, aber eine tiefgründigere Beziehung zu bilden sei einiges schwieriger als in der Schweiz. Für die Eigenschaften der US-amerikanischen Mentalität war Wright am Arbeitsplatz dankbar, da so ein positives Arbeitsklima entstand, in dem sie sich stets motiviert fühlte, morgens zum Praktikum zu fahren und neue Erfahrungen zu sammeln. Während dem Studium und der Praktika in der Schweiz wurde ihr oft gesagt, dass die Praktikantinnen und Praktikanten proaktiv sein müssten. In Kalifornien schien das Gegenteil der Fall zu sein. Die Tierärztinnen und Tierärzte hätten bei Konsultationen von sich aus darauf geachtet, dass Wright die Vorgänge verstehe. In Schweizer Praktikumsbetrieben hingegen bestünde oft die Erwartung, dass die Praktikantin von sich aus Fragen stelle. Und wenn sie Wissenslücken hatte, seien die Reaktionen teils unangenehm gewesen.
Aurélie Wright empfiehlt Studierenden, die ein Praktikum im Ausland besuchen möchten, am besten sechs bis zehn Monate vor dem gewünschten Stellenantritt mit der Organisation zu beginnen. Für Personen, die nicht wie Wright bereits Kontakte im Ausland haben, bieten verschiedene Organisationen Unterstützung bei der Praktikumssuche weltweit an. Wright findet es wichtig, praktische Erfahrungen in der Schweiz zu sammeln. Gleichzeitig schätzt sie es sehr, neue Erkenntnisse in den USA gewonnen zu haben, und würde alles genau so wieder tun. Sollte sich also für Studierende die Möglichkeit bieten, ein paar Wochen im Ausland zu verbringen, sagt Wright dazu: «Macht es!»

