Journal Schweiz Arch Tierheilkd  
Verlag GST  
Heft Band 168, Heft 9,
September 2026
 
ISSN (print) 0036-7281  
ISSN (online) 1664-2848  
online seit 01 September 2026  
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«Die Schweiz ist nicht geschützt»

Nicole Jegerlehner

Die Maul- und Klauenseuche bricht immer häufiger in Europa aus. Das Institut für Virologie und Immunologie führt regelmässig Ausschlussverfahren für die Tierseuche durch.

«Was in Deutschland passiert ist, könnte auch bei uns passieren»: Das sagt Karin Darpel vom Institut für Virologie und Immunologie (IVI) in Mittelhäusern zum Ausbruch der Maul- und Klauenseuche (MKS) Anfang 2025 in Deutschland. «Auf einem einzigen Betrieb waren 14 Wasserbüffel infiziert. Trotzdem kam es zu enormen Umsatzeinbrüchen: Einige Schätzungen berichten von wirtschaftlichen Verlusten bis zu einer Milliarde Euro.»

Unterdessen ist Deutschland wieder frei von MKS. Und doch bleibt das Risiko für die Schweiz hoch: 2025 kam es zu mehreren Ausbrüchen in der Slowakei und in Ungarn, dieses Jahr auf Zypern und auf der griechischen Insel Lesbos.

Ein schwer kontrollierbares Virus

«In Europa ist die Maul- und Klauenseuche die gefürchteste Krankheit bei Nutztieren», sagt Karin Darpel. Das hat mehrere Gründe. Das Virus infiziert alle Klauentiere – nebst Wiederkäuern und Schweinen auch viele Wildtierfamilien einschliesslich Cerviden, Büffel, Bisons und Wildschweine. «Das MKS-Virus hat ein sehr breites Wirtsspektrum. Sind auf einem Betrieb zum Beispiel Rinder betroffen, müssen auch alle anderen empfänglichen Klauentiere wie Ziegen, Schafe und Schweine gekeult werden.» Zudem wird das Virus auf unterschiedlichen Wegen verbreitet: Schweine nehmen das Virus vor allem oral auf und scheiden eine sehr grosse Virenlast aus. Rinder nehmen es sehr effektiv über die Atemwege auf. Kleine Wiederkäuer zeigen oft lange nur milde klinische Anzeichen, so dass die Krankheit erst spät erkannt wird – doch scheiden sie in dieser Zeit das Virus aus.

Das Virus wird in Sekreten und Exkreten wie Speichel, Nasenausfluss, Fäkalien und Milch ausgeschieden und so besonders im direkten Tierkontakt, aber auch indirekt durch kontaminierte Fahrzeuge, Personen oder sogar über die Luft übertragen. «Es ist ein ganz kleines Virus und wird via Aerosole eventuell sogar über weite Distanzen übertragen.» Zudem kann eine Infektion mit dem MKS-Virus (MKSV) bei den Wiederkäuern zu einer persistenten Infektion führen, bei der das Virus bei Schafen und Ziegen für Monate und bei Rindern und Büffeln sogar während Jahren vor allem in der Schleimhaut des Nasenrachens noch vorhanden ist.

Das alles macht, dass das Virus kaum kontrollierbar ist. «Und darum bricht der Handel sofort zusammen, wenn ein bisher davon freies Land einen Ausbruch von Maul- und Klauenseuche hat», sagt Karin Darpel.

Die Bekämpfung

Die deutschen Behörden reagierten 2025 sofort: Wie in der EU vorgeschrieben, richteten sie eine Schutzzone sowie eine Überwachungszone um den betroffenen Betrieb ein. Innerhalb dieser Zonen war der Transport von Tieren und deren Erzeugnisse verboten. Klauentiere auf den Betrieben in den Zonen wurden systematisch klinisch und labordiagnostisch untersucht. Tierbewegungen und indirekte Kontakte wie Futtermittellieferungen wurden nachverfolgt, und auch diese Tiere wurden risikobasiert untersucht.

Grundsätzlich ist eine Impfung gegen MKS in Europa nicht erlaubt. Im Falle eines Ausbruches können jedoch betroffene Länder verschiedene Not-Impfstrategien als integrierten Teil der Kontrollmassnahmen anwenden. Dazu gibt es europäische Impfbanken, damit im Notfall sehr schnell gegen MKS geimpft werden kann. Auch die Schweiz hat Impfstoffe gegen die wichtigsten MKSV-Serotypen reserviert. Sieben Serotypen sind bekannt, sechs davon zirkulieren derzeit. Zwischen den Serotypen besteht keine Kreuzimmunität, für jeden Serotypen ist somit ein eigener Impfstoff zur Immunisierung der Tiere erforderlich. «Es ist ein RNA-Virus, das unheimlich variabel ist», sagt Karin Darpel.

Eine Impfung gegen MKS verhindert die klinische Erkrankung, allerdings nicht unbedingt die Infektion. Somit können geimpfte Tiere sich mit dem Feldstamm infizieren, ohne klinische Symptome zu zeigen.

Deutschland verzichtete auf eine Impfung. Ungarn und die Slowakei hingegen setzten auf eine Suppressionsimpfung: Die Tiere auf einigen grossen betroffenen Betrieben wurden geimpft, bevor sie gekeult wurden. «Auf Betrieben mit 3000 Tieren ist es nicht möglich, alle Tiere innert Kürze zu keulen und zu entsorgen», sagt Karin Darpel. Geimpfte Rinder entwickeln schon innerhalb von Tagen einen partiellen Immunschutz, erkranken bei Infektion milder und scheiden so weniger Virus aus. Die Suppressionsimpfung wird somit angewendet, um die Viruslast in der Luft und in der Umwelt zu reduzieren, parallel zu den anderen Kontrollmassnahmen.

In Afrika und Asien ist die Maul- und Klauenseuche endemisch und hat massive wirtschaftliche Auswirkungen. Die Globalisierung und der internationale Reiseverkehr erhöhen das Risiko der Einschleppung von hochansteckenden Tierseuchen wie MKS in Länder, die von diesen Seuchen frei sind.

MKS und das IVI

Das heutige Hochsicherheitslabor des IVI in Mittelhäusern wurde 1992 nach internationalen Standards für die zunehmenden Anforderungen zur Erforschung und Diagnostik hochansteckender Tierseuchen wie der Klassischen und Afrikanischen Schweinepest und der MKS gebaut. Mehrere Barrieren sorgen für die Sicherheit – vom Druckgefälle über Schutzanzüge bis zur Dusche beim Verlassen des Gebäudes. Wer im Labor war und mit dem MKS-Virus gearbeitet hat, darf während 72 Stunden keinen Kontakt zu Klauentieren im Feld haben: Menschen werden nicht infiziert, können das Virus aber übertragen.

Heute erforscht das IVI zahlreiche meldepflichtige virale Tierseuchen und Zoonosen und neuauftretende Viren der Nutztiere. Auch die Diagnostik für viele dieser viralen Erreger darf für die ganze Schweiz nur im Hochsicherheitslabor des IVI durchgeführt werden. «Für MKS erhalten wir regelmässig Proben für eine Ausschlussuntersuchung», sagt Karin Darpel. Um die bestmögliche Diagnostik für MKS zu gewährleisten, werden jeweils drei bis fünf verschiedene Probenmaterialien pro Tier getestet: es müssen mindestens Serum, Nasentupfer und Läsionsmaterial eingesandt werden.

Eine Ausschlussuntersuchung kann eine Tierärztin oder ein Tierarzt organisieren. Gibt es hingegen einen gezielten Verdacht auf MKS, muss dies umgehend dem zuständigen Veterinäramt gemeldet werden. In solchen Fällen kontrolliert und beprobt ein amtlicher Tierarzt die Tiere, und die Diagnostik hat oberste Priorität: das IVI liefert die Resultate innert acht Stunden nach Eintreffen der Probe.

Schweiz ist MKS-frei

In der Schweiz brach die Maul- und Klauenseuche letztmals 1980 aus; das Land gilt seither als MKS-frei. Trotzdem sagt Karin Darpel: «Die Schweiz ist nicht geschützt.» Die Schweiz sei Teil der globalen Welt, gerade auch im Personenverkehr. «Solange MKS in anderen Ländern vorkommt, ist ein Eintrag in die Schweiz nicht auszuschliessen.» Darum sei es enorm wichtig, auf die Maul- und Klauenseuche vorbereitet zu sein.

Karin Darpel bei der Analyse und Auswertung von Untersuchungsergebnissen. © IVI
 
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