Journal Schweiz Arch Tierheilkd  
Verlag GST  
Heft Band 168, Heft 7,
Juli 2026
 
ISSN (print) 0036-7281  
ISSN (online) 1664-2848  
online seit 07 Juli 2026  
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Esel tiergerecht halten: oft unterschätzt und anspruchsvoll

Sandra Schaefler, Fachbereich Tierschutz, BLV

Esel gelten fälschlicherweise als robust und genügsam. Doch wer sie hält, trägt Verantwortung für sensible Tiere mit klaren artspezifischen Bedürfnissen. 

Esel begleiten den Menschen seit Jahrtausenden. In der Schweiz werden sie heute vor allem als Freizeit‑, Beisteller‑ oder Landschaftspflegetiere gehalten. Ihr ruhiges Auftreten und ihre vermeintliche Anpassungsfähigkeit verleiten jedoch dazu, ihre Bedürfnisse zu unterschätzen. Genau hier setzt die neue Fachinformation zu Eseln des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) an. Esel stammen ursprünglich aus trockenen, kargen Regionen. Daraus ergeben sich besondere Ansprüche an Klima, Untergrund, Fütterung und Pflege. Eine schematische Übertragung von Pferdehaltungskonzepten ist nicht eselgerecht – denn Esel sind mehr als kleine Pferde. Die Fachinformation «Esel tiergerecht halten – Esel sind keine Pferde» konkretisiert die gesetzlichen Anforderungen des Tierschutzes und richtet sich an Tierhaltende ebenso wie an Vollzugsbehörden.

Feste Bindungen

Esel sind ausgeprägt soziale Tiere. Der Kontakt zu Artgenossen ist für ihr Wohlbefinden unerlässlich. Eine Haltung allein mit Pferden ist deshalb nicht tiergerecht und nicht erlaubt. Das BLV verlangt Sicht-, Hör- und Geruchkontakt mit mindestens einem anderen Esel, Maultier oder Maulesel. Zu empfehlen sind sowohl Eselgruppen als auch stabile gemischte Gruppen mit anderen Equiden, sofern die Sozialstruktur harmoniert. Wichtig ist, dass jedes Tier soziale Interaktion leben kann, aber auch genügend Raum für Rückzug findet. Konflikte entstehen häufig dort, wo Platz fehlt oder die Gruppenzusammensetzung nicht stimmt.

Ein zentraler Punkt der Fachinformation ist der Witterungsschutz. Esel reagieren empfindlicher auf anhaltende Nässe und Kälte als Pferde. Es wird empfohlen, ihnen jederzeit Zugang zu einem trockenen, zugfreien und ausreichend grossen Schutzbereich zu gewährleisten, in dem alle Tiere gleichzeitig liegen können.

Matsch ist tabu

Esel haben ein natürliches Bedürfnis nach täglicher Bewegung. Der Auslauf soll deshalb ausreichend gross und abwechslungsreich gestaltet sein. Strukturierte Flächen mit unterschiedlichen Bodenarten fördern die Aktivität und beugen gesundheitlichen Problemen vor. Feuchte Böden, schlechte Drainage oder dauerhaft verschlammte Flächen begünstigen gesundheitliche Probleme an den Hufen, welche ursprünglich an trockenen Untergrund angepasst sind.

Fütterung mit Augenmass

Kaum ein Bereich ist beim Esel so fehleranfällig wie die Fütterung. Esel sind auf faserreiche, energiearme Nahrung spezialisiert. Die Basis bildet strukturreiches Heu oder geeignetes Stroh von guter hygienischer Qualität. Zu energiereiche Rationen, Getreide oder nährstoffreiche Weiden führen rasch zu Übergewicht und damit verbundenen stoffwechselbedingten Erkrankungen wie dem Asinen Metabolischen Syndrom (AMS). Der Weidegang muss deshalb kontrolliert und gegebenenfalls zeitlich begrenzt werden. Frisches Trinkwasser sowie ein angepasster Mineralstoffzugang müssen jederzeit verfügbar sein. Weniger ist bei Eseln in Bezug auf die Fütterung oft mehr.

Schmerzen erkennen

Esel zeigen Schmerzen und Krankheiten oft erst spät. Ihr stoisches Verhalten darf nicht mit Robustheit verwechselt werden – ein wichtiger Punkt auch für die tierärztliche Praxis. Häufig werden Probleme wie Zahnpathologien, schleichender Gewichtsverlust oder beginnende Hufrehe erst erkannt, wenn sie bereits fortgeschritten sind. Umso wichtiger ist eine geschulte, regelmässige klinische Beurteilung. Dazu gehören nebst der täglichen Beobachtung durch die Halterinnen und Halter auch gezielte Kontrollen von Körperkondition, Fressverhalten und Bewegungsabläufen.

Typische, oft übersehene Warnzeichen sind reduzierte Aktivität, veränderte Lautäusserungen, subtile Lahmheiten oder eine verminderte Futteraufnahme. Regelmässige Hufpflege ist zwingend: Vernachlässigte Hufe können zu schweren Lahmheiten und langfristigen Schäden führen. Ergänzend gehören Zahnkontrollen, Impfungen und ein angepasstes Parasitenmanagement zu einer verantwortungsvollen Betreuung.

Falsch verstandene Sturheit

Esel gelten als eigenständig und vorsichtig. Dieses abwägende Verhalten wird häufig als Sturheit fehlinterpretiert. Tatsächlich prüfen Esel Situationen sorgfältig, bevor sie reagieren. Ein ruhiger, geduldiger und fachkundiger Umgang ist entscheidend. Überforderung, unangemessene Nutzung oder grober Umgang widersprechen klar den Grundsätzen des Tierschutzes. Tiergerechte Haltung zeigt sich auch im täglichen Miteinander.

Esel können mehrere Jahrzehnte alt werden. Wer sie hält, entscheidet sich für eine langfristige Verantwortung. Die Fachinformation des BLV liefert dafür einen klaren und verbindlichen Rahmen. Ihre konsequente Umsetzung schützt die Tiere und unterstützt Halterinnen und Halter dabei, den Anforderungen des Schweizer Tierschutzrechts gerecht zu werden – im Sinne einer sachkundigen, verantwortungsvollen Eselhaltung.

Esel sind mehr als kleine Pferde. © zvg/Eselmüller-Stiftung

Jeder zehnte Equide in der Schweiz ist ein Esel

Lucia Unger und Solange Oesch von der ISME-Pferdeklinik an der Vetsuisse-Fakultät Bern begrüssen die Fachinformation des BLV (siehe Haupttext). Die Doktorarbeit von Julia Schäfer «Management, health, and veterinary care of donkeys in Switzerland: A cross-sectional study» (SAT 12_2024) stellte fest, dass in der Schweiz im 2023 insgesamt 42 Prozent der Esel in Gruppen ohne weiteren Esel lebten, was seit Anfang 2025 für neu zusammengestellte Gruppen nicht mehr erlaubt ist. Unger und Oesch bemerken, dass Eselhaltende häufig nicht genügend über Bedürfnisse der Esel informiert sind. «Einige haben das Gefühl, dass es einfacher ist, Esel zu halten als Pferde», sagt Oesch. Unger fügt an: «Es gibt aber auch sehr Engagierte, die Kurse zur Eselhaltung besuchen.» Auch in der Tierärzteschaft fehle es teilweise an Esel-spezifischem Fachwissen. Es gebe es zwar einige Esel-spezifische Vorlesungen, aber das reiche nicht aus, um ein grosses Fachwissen aufzubauen. «Angesichts dessen, dass jeder zehnte Equide in der Schweiz ein Esel ist, ist das ausbaubar.»

 
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