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Wesselsbron-Virus: Schafe übertragen es über die Milch
Obdulio García beschäftigt sich mit dem Wesselsbron-Virus. Er gehört zu einem der wenigen Teams weltweit, die sich mit diesem Orthoflavivirus beschäftigen.
Obdulio García wusste schon als kleiner Junge, dass er einmal Forscher werden will. Nun arbeitet der spanische Tierarzt am Institut für Virologie und Immunologie (IVI) in Mittelhäusern und forscht an Fragestellungen rund um Orthoflaviviren, die früher Flaviviren genannt wurden. Diese grosse Virusfamilie verursacht gefährliche Zoonosen – beispielsweise Zeckenenzephalitis, Japanische Enzephalitis und West-Nil-Fieber. Orthoflaviviren werden durch Vektoren wie Zecken und Stechmücken übertragen. Sie können sich sehr rasch verbreiten, wenn sie auf eine immunologisch ungeschützte Bevölkerung treffen. Ein Beispiel dafür ist das Zikavirus, das unauffällig in Afrika und einigen tropischen Regionen in Asien und Ozeanien zirkulierte. Doch dann löste es in den Jahren 2015 und 2016 in tropischen und subtropischen Regionen Mittel- und Südamerikas eine Epidemie aus, die sich rasch ausbreitete: Das Virus löste Fehlgeburten aus und führte zu Mikrozephalie bei Neugeborenen.
Schweine als Verstärker
«Die Ökologie von Orthoflaviviren kann sehr divers und komplex sein», sagt Obdulio García. Je nach Virus haben sie unterschiedliche Wirbeltiere wie Wildvögel, Nagetiere, Wiederkäuer und Schweine als natürliche Reservoirwirte. «Sind diese Tiere infiziert, produzieren sie sehr viele Viren.» Stechmücken und Zecken können die Viren dann auch auf Menschen und zahlreiche andere Tiere übertragen. Sofern sich das Virus in einer Spezies nicht ausreichend für die Übertragung auf neue Vektoren vermehrt, spricht man von Fehlwirten oder «dead-end hosts». Diese können allerdings schwer erkranken. Beispielsweise fungieren wilde Wasservögel beim Japanischen Enzephalitis-Virus als natürliche Reservoirwirte, Schweine als Verstärkerwirte und Menschen sowie Pferde als Fehlwirte. «Daher ist das Infektionsrisiko vor allem für jene Menschen gross, die auf kleinem Raum mit ihren Schweinen leben.»
Erste Forschungen am IVI rund um die Orthoflaviviren beschäftigten sich mit dem Japanischen Enzephalitis-Virus, das insbesondere bei Kindern schwere Enzephalitis und lebenslange Beeinträchtigungen verursachen kann. Das IVI konnte aufzeigen, dass eine Übertragung zwischen Schweinen auch ohne Mücken möglich ist: Schweine berühren sich oft mit ihren Nasen, und auf diesem Weg können sie auch das Japanische Enzephalitis-Virus direkt übertragen, ohne Mückenstich. «Nur ein sehr kleiner Teil der Übertragung erfolgt auf diesem Weg, aber es ist wichtig zu wissen, dass das Japanische Enzephalitis-Virus auch Schleimhäute befallen kann, und zu begreifen, wie die Übertragungswege funktionieren.»
Das Wesselsbron-Virus
Heute forscht Obdulio García am zoonotischen Wesselsbron-Virus, das zur gleichen serologischen Gruppe gehört wie das Gelbfiebervirus. In den 1950er-Jahren wurde es erstmals in Afrika bei einem totgeborenen Lamm entdeckt. Auch das Wesselsbron-Virus wird durch Mücken übertragen.
Kleine Wiederkäuer wie Schafe und Geissen scheinen ein wichtiger Reservoirwirt für das Wesselsbron-Virus zu sein. Es kann bei ihnen Aborte und Totgeburten verursachen. «In Afrika sind diese Tiere für viele Menschen die wichtigste Eiweissquelle», sagt Obdulio García. Er hat im Hochsicherheitslabor des IVI in Tierversuchen Schafe mit dem Wesselsbron-Virus infiziert. «Das Virus kann drei bis fünf Tage im Blut nachgewiesen werden, wir haben es jedoch auch in Nasen- und Speichelsekreten festgestellt – und dort sogar länger als im Blut.» Eine Infektion von Mutterschafen während der Laktation kann zu einer Übertragung des Virus auf Lämmer führen. Diese können eine lebensbedrohliche Hepatitis entwickeln, die klinisch Gelbfieber ähnelt. Tiere, die sich von der Infektion erholten, entwickelten sehr hohe Mengen an neutralisierenden Antikörpern. «Dies weckt die Hoffnung, dass die Impfung gegen das Wesselsbron-Virus möglich ist.»
Für den Menschen sind diese Erkenntnisse wichtig, weil die Studie ein bislang nicht erkanntes Infektionsrisiko durch den Kontakt zu kleinen Wiederkäuern und den Verzehr von Rohmilchprodukten aufgezeigt hat. «Auch andere Orthoflaviviren werden über die Milch übertragen», sagt Obdulio García. «Es braucht daher Schutzmassnahmen.»
«Ignoriertes Virus»
Der Tierarzt geht davon aus, dass das Wesselsbron-Virus in Afrika für deutlich mehr Infektionen verantwortlich ist, als man meint. «Das Virus wird ignoriert.» So deuten die serologischen Untersuchungen des IVI von Ziegen auf eine weitverbreitete Zirkulation
des Wesselsbron-Virus in einigen afrikanischen Ländern hin. Das IVI geht davon aus, dass auch Übertragungen auf den Menschen häufiger vorkommen als angenommen. «Derzeit arbeiten wir gemeinsam mit afrikanischen Forscherinnen und Forschern daran, die Bedrohung durch das Wesselsbron-Virus zu bewerten und dessen tatsächliche Verbreitung in den endemischen Ländern einzuschätzen», sagt Obdulio García.
Orthoflaviviren zeigen die Wichtigkeit von One Health auf: «Umwelt, Wildtiere, Nutztiere und Menschen sind miteinander verbunden und voneinander abhängig.» Heute tritt das Wesselsbron-Virus in Afrika auf. «Mit dem Klimawandel haben wir in Europa neue Vektoren, und es werden immer mehr», sagt Obdulio García. «Darum gehen diese Viren auch uns Menschen in Europa etwas an: Früher oder später erreichen diese Krankheiten auch nördlicher gelegene Länder.» Und auch wenn dies nicht der Fall wäre, würde er in diesem Gebiet forschen. «Ich spüre die moralische Verpflichtung, Dingen nachzugehen und herauszufinden, wie Krankheiten übertragen werden.»

