Mitglieder-Bereich

Sie sind nicht angemeldet

Journal Schweiz Arch Tierheilkd  
Verlag GST  
Heft Band 162, Heft 11,
November 2020
 
ISSN (print) 0036-7281  
ISSN (online) 1664-2848  
online seit 02 November 2020  
SAT archive search
Extended search

Briefe an die wissenschaftliche Redaktion

Prof. Dr. Roger Stephan, Prof. Dr. Jean-Michel Hatt

Zürich, 15. Oktober 2020

Sehr geehrter Herausgeber

Unter dem Vorwand der Antibiotikaresistenzproblematik propagieren Weiermayer et al. im Schweizer Archiv für Tierheilkunde Band 162, Heft 10, Seiten 597–615 in einem pseudowissenschaftlichen Narrativ die Existenz einer evidenzbasierten Homöopathie und die Autoren fordern im Sinne der Patienten eine bessere Integration der Homöopathie an den Universitäten. Der Artikel kann weder in Form noch in Inhalt einer seriösen wissenschaftlichen Analyse standhalten, und die Aussagen und Forderungen in dieser Publikation müssen in höchstem Masse in Frage gestellt werden.

Der Artikel soll eine Review/Übersichtsarbeit sein. Der Aufbau entspricht allerdings jener einer Originalarbeit im Sinne einer wissenschaftlichen Studie mit Hypothese, Material und Methoden, Resultate und Diskussion. Die formulierte Hypothese wird allerdings im Artikel nicht angenommen bzw. verworfen, der Resultate-Teil ist ein Sammelsurium von Publikationen, das ­Thema Antibiotikaresistenz ist ein Nebenschauplatz.

Im Rahmen einer seriösen wissenschaftlichen Begutachtung hätten­ neben der fehlerhaften Form auch zahlreiche inhaltliche Fehler aufgedeckt werden müssen, von denen hier exemplarisch drei aufgegriffen werden.

Die Autoren führen Metaanalysen auf, aus denen abgeleitet worden sei, dass sich die Wirksamkeit der homöopathischen Therapie von Placebo unterscheidet. Allerdings stimmt diese Aussage nicht. Keine der zitierten Arbeiten fand eine eindeutige Evidenz dafür, im Gegenteil eine der genannten Studien kam in der Zusammenfassung zum Schluss «… we found insufficient evidence from these studies that homoeopathy is clearly efficacious for any single clinical condition.» (Linde et al 1997)

Die Autoren behaupten ferner eine Metaanalyse habe die Evidenz für die Wirksamkeit der Veterinär-Homöopathie gegenüber Placebo nachgewiesen (Mathie & Clausen 2015). Aber auch hier ergibt die sorgfältige Prüfung der Arbeit ein ganz anderes Bild. In den Key Points heisst es: «… Nine of the 15 RCTs displayed high risk of bias; only two comprised reliable evidence. For the two RCTs with reliable evidence, OR = 2.62 [95% CI, 1.13 to 6.05]; P = 0.02). There is some very limited evidence that homeopathic intervention in animals is distinguishable from that of placebos. The deficient quality of the evidence hinders a more decisive conclusion.»

Ein weiterer Hinweis für die unsorgfältige Arbeitsweise der Autoren liefert die Prüfung der Publikation von Camerlink et al. (2010). In dieser Arbeit wurden zwei Gruppen Zuchtsauen ein Monat vor dem Werfen mit einem homöopathischen Produkt oder einem Placebo behandelt und anschliessend das Auftreten von Durchfall bei den Ferkeln gemessen. Weiermayer et al. zitieren die Arbeit folgendermassen: «Zudem war der Schweregrad der Erkrankung geringer und der Durchfall, sofern er auftrat, von kürzerer Dauer.» Im Original lautet die Aussage «The diarrhoea seemed to be less severe in the homeopathically treated litters, there was less transmission and duration appeared shorter.» (Die Autoren waren somit nicht eindeutig von ihren Beobachtungen überzeugt und interpretierten ihre Ergebnisse im Gegensatz zu Weiermayer et al. vorsichtig).

Schlussfolgerung: Dieser Artikel ist wissenschaftlich so nicht haltbar und sehr tendenziös verfasst. Wir fordern damit, dass dieser Artikel zurückgezogen werden muss. Es ist bedenklich, dass sich eine Arbeit in dieser Form in eine wissenschaftliche Zeitschrift mit Begutachtung (peer review) einschleichen konnte.

Prof. Dr. Roger Stephan
Dekan Vetsuisse-Fakultät
Universität Zürich   

Prof. Dr. Jean-Michel Hatt
Direktor Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere
Universität Zürich

Referenzen:

  • Camerlink, I., Ellinger, L., Bakker, E.J., Lantinga, E.A. (2010): Homeopathy as replacement to antibiotics in the case of Escherichia coli diarrhoea in neonatal piglets. Homeopathy 99(1): 57–62.
  • Linde, K., Clausius, N., Ramirez, G., Melchart, D., Eitel, F., Hedges, L.V., Jonas, W.B. (1997): Are the clinical effects of homeopathy placebo effects? A meta-analysis of placebo- controlled trials. Lancet 350(9081): 834–843.
  • Mathie, R.T., Clausen, J. (2015): Veterinary homeopathy: meta-analysis of randomised placebo-controlled trials. Homeopathy 104(1): 3–8.

Diskutieren Sie mit auf dem GST-Forum

Was ist Ihre Meinung zum Artikel «Evidenzbasierte Veterinär-/Homöopathie und ihre mögliche Bedeutung für die ­Bekämpfung der Antibiotikaresistenzproblematik – ein Überblick» (SAT 10/2020) und den hier abgedruckten Briefen an die Redaktion?
Teilen Sie mit uns Ihre Standpunkte und diskutieren Sie mit im GST-Forum «Veterinärmedizinische Fachfragen» (Thema «SAT-Artikel Evidenzbasierte Veterinär-/Homöopathie»).

https://forum.gstsvs.ch

Dr. Hanspeter Steinmetz, wissenschaftlicher Redaktor SAT

 
TYPO3 Agentur