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Journal Schweiz Arch Tierheilkd  
Verlag GST  
Heft Band 162, Heft 7,
Juli 2020
 
ISSN (print) 0036-7281  
ISSN (online) 1664-2848  
online seit 01 Juli 2020  
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Vet-Info

Was kann der Mensch aus der COVID-19-Pandemie lernen?

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Die vom Coronavirus hervorgerufene Erkrankung zeigt uns, wie komplex ­unser Ökosystem ist und wie eng verbunden Mensch, Tier und Natur sind. Sie steht deshalb im direkten Zusammenhang mit dem Tätigkeitsgebiet von VSF-Suisse – die Gesundheit von Tier, Mensch und Umwelt zu schützen.

Das Coronavirus – eine Ausnahme oder etwas, mit dem wir auch in Zukunft rechnen müssen?

Verschiedene Faktoren haben während der letzten Jahrzehnte zu einem dramatischen Anstieg der Ausbreitungsgefahr von Infektionskrankheiten beigetragen. Dies führt dazu, dass Zoonosen, zu denen das Coronavirus (SARS-CoV-2) gehört, immer gefährlicher werden: Heute können sie ein Risiko für die Gesundheit auf globaler Ebene sein und die wirtschaftliche Situation von Millionen von Menschen in Mitleidenschaft ziehen und das innerhalb von kürzester Zeit.

Gegenwärtig sind hunderte Krankheiten bekannt, die sowohl bei Tieren als auch bei Menschen vorkommen (zwei Drittel aller bekannten Infektionskrankheiten beim Menschen). Die Wissenschaft geht davon aus, dass drei Viertel aller neu auftretenden Krankheiten, welche Menschen infizieren, ihren Ursprung bei Tieren haben. Das International Livestock Research Institute schätzt, dass 13 Zoonosen1 für insgesamt 2.4 Milliarden Krankheitsfälle und 2.2 Millionen Tote pro Jahr verantwortlich sind2. Krankheitserreger können über den direkten Kontakt vom Tier zum Menschen oder indirekt über den Kontakt mit Nahrung tierischen Ursprungs übertragen werden.

Menschliches Verhalten begünstigt die Verbreitung von Zoonosen und ermöglicht die Entstehung von Pandemien

Den Ursprung des Coronavirus vermutet man in China, ebenso wie das SARS-Virus, welches 2003/04 für die damalige Epidemie verantwortlich war. Die ersten bestätigten Fälle der diesjährigen Pandemie wurden in der chinesischen Stadt Wuhan gemeldet. An sogenannten «wet-markets»3 trafen Menschen auf engem Raum auf eine Vielzahl von Tieren, darunter Hunde, Hühner, Schlangen oder Zibetkatzen. Dadurch waren Menschen und Nahrungsmittel in nahem Kontakt mit Wildtieren. Die unterschiedlichen Tierarten und deren Virenreservoirs bieten Erregern ideale Bedingungen, Artgrenzen überschreiten zu können.

«Human Encroachment» – Die Ausbreitung der Menschen und ihren Aktivitäten in bisher unberührte Regionen

Tier, Mensch und Umwelt bilden zusammen ein Ökosystem. Der Klimawandel und menschliche Eingriffe in die Natur gefährden die Gesundheit aller gleichermassen. Wälder bilden die Lebensgrundlagen einer Vielzahl von Tierpopulationen. Indem wir durch Abholzung und Strassenbau in die Wälder vordringen, gefährden wir nicht nur die Umwelt, sondern setzen uns auch der Gefahr von neuen Krankheitserregern aus – wenn diese ursprünglich durch den Wald räumlich abgegrenzt waren, können sie nun in Kontakt mit anderen Tierarten und Menschen kommen.

Einen bedeutenden Einfluss auf die zunehmende Ausbreitung von Zoonosen hat auch das Wachstum der Weltbevölkerung, die Populationsdichte, die ansteigende Mobilität und der weltweite Tourismus.

Die durch die Umweltzerstörung bedingte Abnahme der Artenvielfalt und der Biodiversität hat zur Folge, dass anpassungsfähigere Populationen, sogenannte Generalisten, zum Beispiel Stechmücken, rascher auf die Umweltveränderungen reagieren und sich so besser durchsetzen können.

Tier- und Umweltschutz ist Schutz unserer eigenen Gesundheit

Tiere und tierische Produkte spielen in vielen Regionen der Erde eine wichtige Rolle für die Menschen. Um jedoch die Verbreitung von Zoonosen zu reduzieren, ist ein Umdenken im Umgang mit Tier und Umwelt notwendig. Hygienestandards müssen umgesetzt und natürliche Barrieren geschützt werden – sowohl zwischen Wild und Nutztier als auch zwischen Tier und Mensch. Nutz- und auch Haustiere spielen bei der Übertragung von Zoonosen auf den Menschen oft eine wichtige ­
Rolle – die des Zwischenwirtes. Die grundsätzlich problematische Massentierhaltung birgt dadurch in naturnahen Zonen eine zusätzliche Gefahr.

Die Erhaltung der Ökosysteme ist deshalb wichtig. Dieser Aspekt ist für VSF-Suisse ein Grundanliegen. So konnten wir beispielsweise in Togo für Bauern durch deren Honigproduktion mit Waldbienen eine nachhaltig alternative Einkommensquelle zu der Abholzung des Waldes schaffen.

Pandemien sind keine Zufälle – sie sind zunehmende Symptome menschlichen Eingreifens. Wir müssen die Lehre daraus ziehen, dass der Schutz der Menschen nur dann möglich ist, wenn auch Tier und Umwelt konsequent geschützt werden.


1 Diese Zoonosen beinhalten die Tollwut, sind aber sonst weitgehend parasitäre (wie Zystizerkose und Echinokokkose) und bakterielle Zoonosen (wie Brucellose und Milzbrand).
2https://assets.publishing.service.gov.uk/media/57a08a63ed915d622c0006fd/ZooMapDFIDreport18June2012FINALsm.pdf
3 «Nasser Markt» – diese Bezeichnung bezieht sich auf die Nässe des geschmolzenen Eises, das zur Kühlung der dort gehandelten Fleisch­arten und Lebensmittel gebraucht wird.

Ein von Waldrodung betroffenes Gebiet in der Zentralafrikanischen Republik. Jäger und Hirten haben Feuer gelegt, um Nagetiere aus dem Wald aufzuscheuchen. (©FAO/Roberto Faidutti)
Ein Imker im Naturschutzgebiet Abdoulaye-Wald, Togo. Der Wald ist für seine Artenvielfalt ­bekannt und gilt deshalb als besonders schützenswert.
(© Tom Martin/martinandmartin.eu)

Text: Florian Brunner, VSF-Suisse

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