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Journal Schweiz Arch Tierheilkd  
Verlag GST  
Heft Band 160, Heft 2,
Februar 2018
 
ISSN (print) 0036-7281  
ISSN (online) 1664-2848  
online seit 01 Februar 2018  
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Gespräch

Wiedereinstieg in die Kleintiermedizin

«Man vergisst schnell, wenn man Wissen nicht anwendet»

Interview: Manuela Bittel, Bildung GST-Geschäftsstelle, Björn Ittensohn, Redaktion GST-Bulletin

Das Wissen und die Diagnosemöglichkeiten in der Tiermedizin entwickeln sich rasant. Das macht den Wiedereinstieg als Tierärztin oder Tierarzt nach einem längeren Unterbruch schwierig. Eine Auffrischung des Fachwissens bietet der GST-Lehrgang «Wiedereinstieg in die Kleintiermedizin». Die GST hat bei Kursleiterin Cécile Rohrer Kaiser und Kursteilnehmerin Myriam Fasani nachgefragt, wo sie die Chancen und die Stolpersteine beim Wiedereinstieg in den Tierarzt-Beruf sehen.

Cécile, du bist seit acht Jahren Leiterin und Hauptdozentin dieses Kurses. Wie verändert sich die Veterinärmedizin und die Branche?
Cécile Rohrer Kaiser: Die Tiermedizin entwickelt sich schnell weiter. Neue Diagnosemöglichkeiten, Behandlungsmethoden und Medikamente haben sich etabliert. Seit vielen Jahren schliessen viel mehr Frauen als Männer das Studium der Veterinärmedizin ab. Speziell in der Kleintiermedizin sind seit einigen Jahren auch strukturelle Veränderungen im Gang. Das Arbeiten in grösseren Gemeinschaftspraxen oder in Kliniken, welche durch grössere oder kleinere Unternehmensgruppen betrieben werden, vereinfacht die Teilzeitarbeit und damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Wie hast du selber den Spagat zwischen Beruf und Familie erlebt?
Cécile Rohrer Kaiser: Ich hatte das Glück, beruflich nach dem Studium viel Erfahrung an verschiedenenen Universitäten im In- und Ausland sammeln zu können. Ich habe meinen Spezialisierungstitel in Innerer Medizin in den Vereinigten Staaten erlangt bevor ich, zurück in der Schweiz, eine Familie gründete. Meine Familie, vor allem meine Schwiegermutter, hat mich mit der Betreuung unserer beiden Töchter stark unterstützt. Dies hat mir ermöglicht, beruflich in einem Teilpensum tätig zu bleiben, als die Kinder klein waren.

Trotz kleiner Kinder ein Standbein im Beruf haben. War das bei dir auch möglich, Myriam?
Myriam Fasani: Während der Schwangerschaft habe ich mir leider zu wenig Gedanken gemacht, wie es beruflich weitergehen könnte. Nach einem 16-wöchigen Mutterschaftsurlaub hätte ich die Möglichkeit gehabt, 30% im amtstierärztlichen Bereich weiterzuarbeiten. Wir wohnen in einem Bündner Bergtal, die Arbeitswege sind weit, die Grosseltern wohnen in einem anderen Kanton und Krippen sind teuer und rar. Ausserdem wollte ich meine Kinder stillen und eine längere Pause war bei meinem Mandat beim Kanton nicht möglich.

Was hast du vor der Geburt deiner Kinder beruflich gemacht?
Myriam Fasani: Vor der Familiengründung habe ich sieben Jahre als praktizierende Tierärztin gearbeitet und bin dann gleitend in die amtstierärztliche Tätigkeit gerutscht. So habe ich mir Wissen in verschiedenen Bereichen aufgebaut. Trotzdem: Man vergisst schnell, wenn man Wissen nicht anwendet, und vieles macht man heute anders als noch vor ein paar Jahren.

Wichtig scheint also, bereits vor einer Berufspause einen guten Rucksack an Erfahrung, Wissen und Routine zu haben.
Cécile Rohrer Kaiser: Genau. Gute berufliche Voraussetzungen schafft man sich, indem man ein paar Jahre in der Praxis tätig ist und sich so ein breites Fundament schafft. Hat man gar nicht erst Fuss gefasst und steigt kurz nach dem Studium aus, so gestaltet sich der Wiedereinstieg schwierig, weil man nur auf wenig Erfahrung zurückgreifen kann.

Was empfiehlst du jungen Berufsleuten sonst noch, damit ein Wiedereinstieg gelingt?
Cécile Rohrer Kaiser: Wenn immer möglich sollte man versuchen während der Berufspause wenigstens in einem kleinen Pensum weiterzuarbeiten, zum Beispiel an Samstagen, an Abendsprechstunden oder als Ferienvertretung. So bleibt man am Ball und bekommt Entwicklungen mit.

Myriam, wie sieht deine aktuelle Situation aus? Hast du die Möglichkeit, das Gelernte vom Wiedereinsteiger-Kurs praktisch anzuwenden?
Myriam Fasani: Bei meiner Stellensuche wird die Teilnahme am Wiedereinsteiger-Kurs als sehr positiv wahrgenommen und es tun sich neue berufliche Chancen für mich auf. Ich habe eine befristete Praktikumsstelle in einer Tessiner Tierarztpraxis gefunden.

Was wünschst du dir von deinem zukünftigen Arbeitgeber?
Myriam Fasani: Ich wünsche mir, dass ich die nötige Zeit bekomme, mich wieder einzufinden, damit ich wieder als Tierärztin arbeiten kann, einem Beruf, der mir sehr viel Freude macht. Ich bin mir bewusst, dass eine Wiedereinsteigerin vor allem am Anfang einer Anstellung einen hohen zeitlichen Aufwand und Verantwortung bedeutet – allerdings bringt sie auch einen reichen Lebenserfahrungsschatz mit, der in den Berufsalltag einfliessen kann.

Gelingt deinen Kursteilnehmerinnen der Wiedereinstieg?
Cécile Rohrer Kaiser: Am besten gelingt der Wiedereinstieg den TeilnehmerInnen, welche gleichzeitig mit dem Kurs eine Anstellung in einer Praxis haben oder zumindest ein Praktikum absolvieren. Dann kann das aufgefrischte oder neu erlernte Wissen direkt angewendet werden, was nachhaltiger ist. Deshalb empfehle ich den Kursteilnehmenden, welche noch keine feste Anstellung haben, während der Dauer des Kurses möglichst viel praktische Erfahrung zu sammeln und sich nicht zu scheuen, bei Tierarztpraxen nachzufragen und Praktikas zu absolvieren.

Letzte Frage: Gibt es eigentlich auch Männer im Wiedereinsteiger-Kurs?
Cécile Rohrer Kaiser: Im Schnitt haben wir ein bis zwei Männer pro Kurs. Bei den meisten ist aber nicht eine Familienpause der Hintergrund, sondern dass sich der Fokus ihrer Tätigkeit vom Nutztier- zum Kleintierbereich verlagert.

Herzlichen Dank euch beiden für dieses Gespräch und die interessanten Einblicke.

Myriam Fasani (links), Kursteilnehmerin, und Cécile Rohrer Kaiser, Kursleiterin, beim Gespräch in der Cafeteria beim Tierspital Bern.

Myriam Fasani, med. vet.,

(42) hat in Zürich Veterinärmedizin studiert und im Jahr 2000 das Staatsexamen gemacht. Danach praktizierte sie während sieben Jahren in verschiedenen Kleintierpraxen, arbeitete auf dem kantonalen Veterinäramt Tessin und im Istituto cantonale di microbiologica. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern im Vorschul- und Schulalter. Nach einer mehrjährigen Familienzeit möchte sie wieder als Tierärztin arbeiten.

Dr. med. vet. Cécile Rohrer Kaiser,

(53) hat in Zürich Veterinärmedizin studiert und im Anschluss die Weiterbildungstitel ACVIM und ECVIM-CA (Innere Medizin Kleintiere) erlangt. Sie ist seit 2009 fachliche Leiterin des GST-Kurses für Wiedereinsteigende in die Kleintiermedizin. Daneben arbeitet sie als Beraterin bei IDEXX Diavet und praktiziert in einer Kleintierpraxis. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern im Teenageralter.

Kurse für Wiedereinsteigende in Zürich und Bern

Der GST-Lehrgang besteht aus 21 Modulnachmittagen und ist mit 1 Bildungspunkt pro Nachmittag akkreditiert. Wegen der hohen Nachfrage startete im 2017 ein zusätzlicher Kurs an der Vetuisse Bern. Der nächste Kurs beginnt im April 2018 an der Vetsuisse Zürich.

Start Lehrgang 2018/2019 in Zürich: 10. April 2018

Anmeldung und weitere Informationen: www.gstsvs.ch/wiedereinstieg

 
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